Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

Leider wird diese Rezension von neueren politischen Aktivitäten des Autors Peter Thiel überschattet, die dem Verfasser dieser Kritik zum Zeitpunkt des Schreibens nicht bekannt waren. So anregend das Buch auch ist, es ist aufgrund politischer Aussagen leider nicht mehr uneingeschränkt zu empfehlen. Gutes und innovatives Denken allein nützt eben noch nicht. In diesem Sinne ist der lobende Ton der Rezension unbedingt zu relativieren, die kritischen Fragen am Ende hingegen sind nun umso spannender:

„Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles oder Nichts. Es geht um vertikalen Fortschritt, in dem radikal Neues erfunden wird. Peter Thiel entwirft hier nichts anderes als ein Manifest für die Start-up-Mentalität des 21. Jahrhunderts.

Bereits in diesem Intro treffen Avantgarde, Fortschrittsglaube und poststrukturalistische Magie aufeinander. Neues entsteht nur dann, wenn der Fortschritt intensiv, wenn die Idee wirklich neuartig ist. Um keine billige Kopie zu sein, muss sie auf einer neuen Ebene stattfinden. Daher fasst Thiel vertikalen oder intensiven Fortschritt auch mit dem Begriff „Technologie“ zusammen. Eingebettet ist dieser Avantgardismus des Neuen in eine brillante historische Perspektive auf die 90er Jahre und ihre Krisen und Blasen. Die These ist klar formuliert: Seit der Dotcom-Blase hat sich in den Köpfen des Silicon Valley ein bestimmtes Denken festgesetzt, an dessen Grundfesten Thiel nun rüttelt. Die vier alten Lektionen aus der Krise sind:

1. Gehe in kleinen Schritten vor.
2. Bleibe schlank und flexibel.
3. Wachse an der Konkurrenz.
4. Produkte sind wichtiger als ihr Vertrieb.

Diesen falschen Wahrheiten in den Köpfen der Unternehmer setzt Thiel in überzeugender Querdenker-Manier folgende vier Thesen entgegen:

1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität.
2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner.
3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft.
4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.

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Auf den darauf folgenden 160 Seiten erläutert und entfaltet Thiel seine Argumentation dafür, warum die ersten vier Glaubenssätze falsch und seine vier Thesen richtig sind. Dabei entdeckt er nicht nur die Ursache des fehlerhaften Wirtschaftsdenkens in der Physik des 19. Jahrhunderts (die die Wirtschaftswissenschaften und Statistik maßgeblich beeinflusst hat), er entlarvt ganz nebenbei auch das Geheimnis der Monopole: „Wettbewerb und Kapitalismus sind ein Widerspruch.“ Die Wirtschaftswissenschaften gingen fälschlicherweise von einem perfekten Gleichgewichtszustand in der Konkurrenz aller Unternehmen gegen alle aus. Im Gleichgewicht kann aber kein Unternehmen seine Einzigartigkeit entfalten. Im Gleichgewicht stirbt jede Energie den Kältetod des Universums.

Pro: Sehr inspirierende Gedankengänge. Der Text sprüht nur so vor anregenden Erkenntnissen und visionären Thesen. Mit Zitaten von Nietzsche, aus Goethes Faust und Tolkiens Herr der Ringe überrascht der Autor immer wieder. Die Lektüre ist unterhaltsam, herausfordernd und produktiv-provokativ.

Contra: Der Ansatz ist teils schematisch, teils polemisch. Auch die grafischen Darstellungen und Schaubilder sind im Vergleich zu den glänzenden Gedankengängen zu schematisch und zu simpel gehalten. Die Grundthese, dass ein Monopol der Zustand eines jeden erfolgreichen Unternehmens ist, lässt sich nicht halten. Auch dass Monopole ihre Einzigartigkeit nur fern jedes Wettbewerbs entwickeln können, trifft, wenn überhaupt, nur auf wenige Unternehmen zu.

In dem Buch finden sich zahlreiche Highlights: So etwa das große Lob auf den Vertrieb und die Arbeit des Verkäufers, womit Thiel die Trennung zwischen Vertrieb und Entwicklung radikal in Frage stellt. Ein weiteres Highlight ist das Kapitel zu „Mensch und Maschine“ sowie zum „Gründerparadox“. Hier präsentiert Thiel ein amüsantes und faszinierendes Porträt von prominenten IT-Gründern und modernen Königen, von Richard Branson über Steve Jobs bis Elvis Presley, Britney Spears und Lady Gaga… womit das Prinzip des Monopols auch auf Menschen (Prominente) übertragbar wäre.

Ist Peter Thiel kreativer Querdenker oder elitärer Monopolist? Wie viel Transhumanismus steckt in seinem Beitrag zur Innovation und Rettung unserer Gesellschaft? Und wie viel ideologische Weltanschauung steckt in diesem Start-up-Manifest des Neuen und Einzigartigen? Peter Thiel ist schlau genug, keine starren Positionen einzunehmen. Sein Denken ist flexibel, mutig und thesenhaft. Es setzt an den richtigen Stellen an und entzieht sich dann wieder in die Unschärfe randloser Offenheit. Man bekommt den Eindruck, Thiel habe bei den Rhizomatikern Deleuze und Guattari eine Lektion in fließendem und formfreiem Denken erhalten, wenn er die Intensität zum höchsten Gut gesellschaftlicher Innovation erhebt. Bereits der Vorsokratiker Heraklit wusste ja, dass alles fließt.

Fazit: Zero to One ist mehr Denkübung als Anleitung, auch wenn es produktive Handlungs- und Denkempfehlungen bereitstellt. Dies macht das Buch einzigartig und absolut lesenswert. Es ist anregend und philosophisch im besten Sinne des Wortes: es regt zum Selbstdenken an und stellt gewohnte Denkmuster in Frage. Die Querdenker-Frage ist für jedermann empfehlenswert und anwendbar: ‚Welche Ihrer Überzeugungen würden nur wenige Menschen mit Ihnen teilen?'“ (vgl. die Relativierung aufgrund aktueller Ereignisse am Beginn des Blogbeitrags)

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Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, sondern er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles oder Nichts. Es geht um vertikalen Fortschritt, in dem radikal Neues erfunden wird. Peter Thiel entwirft hier nichts anderes als ein Manifest für die Start-up-Mentalität des 21. Jahrhunderts.

Bereits in diesem Intro treffen Avantgarde, Fortschrittsglaube und poststrukturalistische Magie aufeinander. Neues entsteht nur dann, wenn der Fortschritt intensiv, wenn die Idee wirklich neuartig ist. Um keine billige Kopie zu sein, muss sie auf einer neuen Ebene stattfinden. Daher fasst Thiel vertikalen oder intensiven Fortschritt auch mit dem Begriff „Technologie“ zusammen. Eingebettet ist dieser Avantgardismus des Neuen in eine brillante historische Perspektive auf die 90er Jahre und ihre Krisen und Blasen. Die These ist klar formuliert: Seit der Dotcom-Blase hat sich in den Köpfen des Silicon Valley ein bestimmtes Denken festgesetzt, an dessen Grundfesten Thiel nun rüttelt. Die vier alten Lektionen aus der Krise sind:

1. Gehe in kleinen Schritten vor.
2. Bleibe schlank und flexibel.
3. Wachse an der Konkurrenz.
4. Produkte sind wichtiger als ihr Vertrieb.

Diesen falschen Wahrheiten in den Köpfen der Unternehmer setzt Thiel in überzeugender Querdenker-Manier folgende vier Thesen entgegen:

1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität.
2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner.
3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft.
4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.

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Auf den darauf folgenden 160 Seiten erläutert und entfaltet Thiel seine Argumentation dafür, warum die ersten vier Glaubenssätze falsch und seine vier Thesen richtig sind. Dabei entdeckt er nicht nur die Ursache des fehlerhaften Wirtschaftsdenkens in der Physik des 19. Jahrhunderts (die die Wirtschaftswissenschaften und Statistik maßgeblich beeinflusst hat), er entlarvt ganz nebenbei auch das Geheimnis der Monopole: „Wettbewerb und Kapitalismus sind ein Widerspruch.“ Die Wirtschaftswissenschaften gingen fälschlicherweise von einem perfekten Gleichgewichtszustand in der Konkurrenz aller Unternehmen gegen alle aus. Im Gleichgewicht kann aber kein Unternehmen seine Einzigartigkeit entfalten. Im Gleichgewicht stirbt jede Energie den Kältetod des Universums.

Pro: Sehr inspirierende Gedankengänge. Der Text sprüht nur so vor anregenden Erkenntnissen und visionären Thesen. Zitate von z.B. Nietzsche, aus Goethes Faust und Tolkiens Herr der Ringe hält während der Lektüre so einige Überraschungen bereit. Die Lektüre ist unterhaltsam, herausfordernd und produktiv-provokativ.

Contra: Der Ansatz ist teils schematisch, teils polemisch. Auch die grafischen Darstellungen und Schaubilder sind im Vergleich zu den glänzenden Gedankengängen zu schematisch und zu simpel gehalten. Die Grundthese, dass ein Monopol der Zustand eines jeden erfolgreichen Unternehmens ist, lässt sich nicht halten. Auch dass Monopole ihre Einzigartigkeit nur fern jedes Wettbewerbs entwickeln können, trifft, wenn überhaupt, nur auf wenige Unternehmen zu.

In dem Buch finden sich zahlreiche Highlights: So etwa das große Lob auf den Vertrieb und die Arbeit des Verkäufers, womit Thiel die Trennung zwischen Vertrieb und Entwicklung radikal in Frage stellt. Ein weiteres Highlight ist das Kapitel zu „Mensch und Maschine“ sowie zum „Gründerparadox“. Hier erstellt Thiel ein amüsantes und faszinierendes Porträt von prominenten IT-Gründern und modernen Königen, von Richard Branson über Steve Jobs bis Elvis Presley, Britney Spears und Lady Gaga… womit das Prinzip des Monopols auch auf Menschen (Prominente) übertragbar wäre.

Ist Peter Thiel kreativer Querdenker oder elitärer Monopolist? Wie viel Transhumanismus steckt in seinem Beitrag zur Innovation und Rettung unserer Gesellschaft? Und wie viel ideologische Weltanschauung steckt in diesem Start-up-Manifest des Neuen und Einzigartigen? Peter Thiel ist schlau genug, keine starren Positionen einzunehmen. Sein Denken ist flexibel, mutig und thesenhaft. Es setzt an den richtigen Stellen an und entzieht sich dann wieder in die Unschärfe randloser Offenheit. Man bekommt den Eindruck, Thiel habe bei den Rhizomatikern Deleuze und Guattari eine Lektion in fließendem und formfreiem Denken erhalten, wenn er die Intensität zum höchsten Gut gesellschaftlicher Innovation erhebt. Bereits der Vorsokratiker Heraklit wusste ja, dass alles fließt.

Fazit: Zero to One ist mehr Denkübung als Anleitung, auch wenn es produktive Handlungs- und Denkempfehlungen bereitstellt. Dies macht das Buch einzigartig und absolut lesenswert. Es ist anregend und philosophisch im besten Sinne des Wortes: es regt zum Selbstdenken an und stellt gewohnte Denkmuster in Frage. Die Querdenker-Frage ist für jedermann empfehlenswert und anwendbar: „Welche Ihrer Überzeugungen würden nur wenige Menschen mit Ihnen teilen?“

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