Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

Leider wird diese Rezension von neueren politischen Aktivitäten des Autors Peter Thiel überschattet, die dem Verfasser dieser Kritik zum Zeitpunkt des Schreibens nicht bekannt waren. So anregend das Buch auch ist, es ist aufgrund politischer Aussagen leider nicht mehr uneingeschränkt zu empfehlen. Gutes und innovatives Denken allein nützt eben noch nicht. In diesem Sinne ist der lobende Ton der Rezension unbedingt zu relativieren, die kritischen Fragen am Ende hingegen sind nun umso spannender:

„Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles oder Nichts. Es geht um vertikalen Fortschritt, in dem radikal Neues erfunden wird. Peter Thiel entwirft hier nichts anderes als ein Manifest für die Start-up-Mentalität des 21. Jahrhunderts.

Bereits in diesem Intro treffen Avantgarde, Fortschrittsglaube und poststrukturalistische Magie aufeinander. Neues entsteht nur dann, wenn der Fortschritt intensiv, wenn die Idee wirklich neuartig ist. Um keine billige Kopie zu sein, muss sie auf einer neuen Ebene stattfinden. Daher fasst Thiel vertikalen oder intensiven Fortschritt auch mit dem Begriff „Technologie“ zusammen. Eingebettet ist dieser Avantgardismus des Neuen in eine brillante historische Perspektive auf die 90er Jahre und ihre Krisen und Blasen. Die These ist klar formuliert: Seit der Dotcom-Blase hat sich in den Köpfen des Silicon Valley ein bestimmtes Denken festgesetzt, an dessen Grundfesten Thiel nun rüttelt. Die vier alten Lektionen aus der Krise sind:

1. Gehe in kleinen Schritten vor.
2. Bleibe schlank und flexibel.
3. Wachse an der Konkurrenz.
4. Produkte sind wichtiger als ihr Vertrieb.

Diesen falschen Wahrheiten in den Köpfen der Unternehmer setzt Thiel in überzeugender Querdenker-Manier folgende vier Thesen entgegen:

1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität.
2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner.
3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft.
4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.

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Auf den darauf folgenden 160 Seiten erläutert und entfaltet Thiel seine Argumentation dafür, warum die ersten vier Glaubenssätze falsch und seine vier Thesen richtig sind. Dabei entdeckt er nicht nur die Ursache des fehlerhaften Wirtschaftsdenkens in der Physik des 19. Jahrhunderts (die die Wirtschaftswissenschaften und Statistik maßgeblich beeinflusst hat), er entlarvt ganz nebenbei auch das Geheimnis der Monopole: „Wettbewerb und Kapitalismus sind ein Widerspruch.“ Die Wirtschaftswissenschaften gingen fälschlicherweise von einem perfekten Gleichgewichtszustand in der Konkurrenz aller Unternehmen gegen alle aus. Im Gleichgewicht kann aber kein Unternehmen seine Einzigartigkeit entfalten. Im Gleichgewicht stirbt jede Energie den Kältetod des Universums.

Pro: Sehr inspirierende Gedankengänge. Der Text sprüht nur so vor anregenden Erkenntnissen und visionären Thesen. Mit Zitaten von Nietzsche, aus Goethes Faust und Tolkiens Herr der Ringe überrascht der Autor immer wieder. Die Lektüre ist unterhaltsam, herausfordernd und produktiv-provokativ.

Contra: Der Ansatz ist teils schematisch, teils polemisch. Auch die grafischen Darstellungen und Schaubilder sind im Vergleich zu den glänzenden Gedankengängen zu schematisch und zu simpel gehalten. Die Grundthese, dass ein Monopol der Zustand eines jeden erfolgreichen Unternehmens ist, lässt sich nicht halten. Auch dass Monopole ihre Einzigartigkeit nur fern jedes Wettbewerbs entwickeln können, trifft, wenn überhaupt, nur auf wenige Unternehmen zu.

In dem Buch finden sich zahlreiche Highlights: So etwa das große Lob auf den Vertrieb und die Arbeit des Verkäufers, womit Thiel die Trennung zwischen Vertrieb und Entwicklung radikal in Frage stellt. Ein weiteres Highlight ist das Kapitel zu „Mensch und Maschine“ sowie zum „Gründerparadox“. Hier präsentiert Thiel ein amüsantes und faszinierendes Porträt von prominenten IT-Gründern und modernen Königen, von Richard Branson über Steve Jobs bis Elvis Presley, Britney Spears und Lady Gaga… womit das Prinzip des Monopols auch auf Menschen (Prominente) übertragbar wäre.

Ist Peter Thiel kreativer Querdenker oder elitärer Monopolist? Wie viel Transhumanismus steckt in seinem Beitrag zur Innovation und Rettung unserer Gesellschaft? Und wie viel ideologische Weltanschauung steckt in diesem Start-up-Manifest des Neuen und Einzigartigen? Peter Thiel ist schlau genug, keine starren Positionen einzunehmen. Sein Denken ist flexibel, mutig und thesenhaft. Es setzt an den richtigen Stellen an und entzieht sich dann wieder in die Unschärfe randloser Offenheit. Man bekommt den Eindruck, Thiel habe bei den Rhizomatikern Deleuze und Guattari eine Lektion in fließendem und formfreiem Denken erhalten, wenn er die Intensität zum höchsten Gut gesellschaftlicher Innovation erhebt. Bereits der Vorsokratiker Heraklit wusste ja, dass alles fließt.

Fazit: Zero to One ist mehr Denkübung als Anleitung, auch wenn es produktive Handlungs- und Denkempfehlungen bereitstellt. Dies macht das Buch einzigartig und absolut lesenswert. Es ist anregend und philosophisch im besten Sinne des Wortes: es regt zum Selbstdenken an und stellt gewohnte Denkmuster in Frage. Die Querdenker-Frage ist für jedermann empfehlenswert und anwendbar: ‚Welche Ihrer Überzeugungen würden nur wenige Menschen mit Ihnen teilen?'“ (vgl. die Relativierung aufgrund aktueller Ereignisse am Beginn des Blogbeitrags)

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Born to learn

Leben ist Arbeit, Arbeit, Arbeit… Wenn Peter Sloterdijk im Jahr 2009 Rilkes Satz Du musst dein Leben ändern! zum ästhetischen Imperativ unserer Zeit erklärt, so ist mittlerweile mindestens ein weiterer hinzugekommen: Du musst dein Leben lang lernen!

Ob beim Kochen, Tauchen, Wandern, Laufen, Denken, Schminken oder Segeln, wir kommen nicht umhin, bei all diesen Tätigkeiten zu lernen. Das menschliche Gehirn selbst ist auf lebenslanges Lernen und permanente Veränderung angelegt, wie die neueste Hirnforschung zeigt.

Der Autor Robert Greene geht in seinem Buch Perfekt! davon aus, dass jeder Mensch bestimmte Lernkurven und eine ganz individuelle Lehrzeit durchläuft, bevor er zu seinem persönlichen Kreativitätspotenzial gelangt. Anhand unterschiedlichster Denker und Persönlichkeiten wie Benjamin Franklin, Charles Darwin, Marie Curie, Martha Graham und Wolfgang Amadeus Mozart erzählt er von den verschiedenen Phasen, Hindernissen und Durchbrüchen einer kreativen Laufbahn.

Learn your personal lessons und folge deiner ganz individuellen Lernkurve, das bedeutet nicht nur Disziplin, Talent und Ausdauer, auch der Körper und das soziale Umfeld beeinflussen das Lernverhalten. Das Gedächtnis sitzt im ganzen Körper, wie Christian Ankowitsch in seinem Buch Warum Einstein niemals Socken trug auf unterhaltsame Weise beschreibt.

Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst entgeht uns im Alltag wahrscheinlich genauso oft wie das Umfeld, in dem wir lernen. Auf die Rolle des Umfeldes für unseren Lernprozess macht uns Prof. Dr. Onur Güntürkün in seinem kurzweiligen und äußerst informativen ZEIT Akademie Seminar aufmerksam, eine grandiose Einführung in das Spektrum aktueller Hirnforschung.

So wie der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt (Schiller), so ist er auch da nur ganz Mensch, wo er übt. Das Üben ist eine grundlegende Essenz des menschlichen Daseins oder die Erfindung des Menschen als lernendes Wesen: Born to learn.

Eine neue Generation mit Perspektivwechsel

Man kann die Geschichte der Philosophie als einen Jahrtausende andauernden Versuch bezeichnen, im Denken Orientierung zu finden. Und das ist bekanntermaßen gar nicht so leicht, denn es gibt Momente im Leben, in denen man aus sich selbst einfach nicht schlau wird.

Wer sich im Denken orientieren will, der möchte vor allem in der Welt Orientierung finden. Auch darin waren die Philosophen nicht immer gerade Meister, aber es ist ja bekannt, dass das, was jemand lehrt, nicht immer auch das ist, was er selbst am besten können muss.

Letztlich läuft jeder Orientierungsversuch im Denken auf eine Orientierung im Leben hinaus. Der bewusst denkende Mensch möchte sich in seiner Existenz erleben, seine Träume leben, seine Illusionen durchschauen und das Leben führen, das ihn erfüllt und glücklich macht. Es geht dabei um die alte Frage, wie wir unser Leben leben wollen. Um Selbsterkenntnis, die mit Peter Bieri gesprochen Quelle von Freiheit und damit von Glück ist.

Der Philosoph Nicolas Dierks unterscheidet daher zwischen einer Alltagsperspektive und einer Lebensperspektive. Während die Alltagsperspektive vor allem auf eine effiziente und handlungsorientierte Bewältigung des Alltags ausgerichtet ist, umfasst die Lebensperspektive das Ganze des Lebens, die Vision oder den höheren Sinn im individuellen Leben.

Richard David Precht war einer der ersten Philosophen am Beginn des 21. Jahrhunderts, der die Philosophie einem größeren Publikum, ja einer ganzen Masse deutscher Leser nahegebracht hat. Als Meister der Popularisierung und medialen Inszenierung ist er quasi der Prototyp für eine neue Generation junger Autoren, die die Philosophie wieder primär als Orientierung im Denken begreifen.

Was tue ich hier eigentlich? Warum es die Welt nicht gibt und Folge dem weißen Kaninchen sind drei Bücher, die jeweils auf hervorragende und überraschende Weise in die Philosophie einführen. Während Nicolas Dierks die individuelle Sinnsuche im Leben für ein größeres Publikum greifbar macht, haben Philipp Hübl und Markus Gabriel der Orientierung in der Welt einen innovativen und neuartigen Zugang gegeben. (In der Philosophie spricht man von Erkenntnistheorie)

Sie alle sind eine neue Generation philosophischer Autoren, die wie ganz selbstverständlich das Wissen aus Science-Fiction und TV-Serien in ihr Denken einbeziehen. Damit sind sie nicht nur multimediale Denker, sondern auch die ersten digital immigrants der philosophischen Szene.

Gemeinsam mit ihrem Prototypen Richard David Precht teilen sie ein neues Selbstbewusstsein: Sie wollen auf verständlichem Niveau und mit eigener Sprache und Meinung philosophieren, ohne die akademische Philosophie an der Universität dabei schlecht zu reden.

Wie Jim Holt in seiner Geschichte „Gibt es alles oder nichts?“ erkunden die Autoren unseren individuellen Platz im Universum, die endliche Existenz des Menschen. Orientierung im Denken bleibt aber blind, wenn es nicht zu einer Orientierung im Handeln führt. Daher kann bei aller Philosophie auch ein wenig Antifragilität nicht schaden. Nassim Nicholas Taleb, der sich als Schwarzer Schwan der Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten dabei wiederum auf zahlreiche Philosophen beruft, sei Dank…

Müdigkeitseffekte des Denkens

Macht Denken traurig? Oder regt tägliches Denken die Glückshormone an? Für beide Thesen gibt es Anlass, dass daran etwas Wahres sein könnte. Denken ist nicht emotionslos, es ist emotional gefärbt und kann einen in unterschiedlichste Stimmungen versetzen.

Fakt ist, dass das Gehirn kein Muskel ist, den man wie seinen Bizeps trainieren kann. Ebenso wahr ist aber auch, dass es so etwas wie einen Muskelkater im Gehirn gibt. Wer zu viel denkt, gerät schnell ins Grübeln und wird im wahrsten Sinne des Wortes nachdenklich.

Dass Denken auch müde machen kann, zeigt zum Beispiel der Philosoph Byung-Chul Han. Der Hochleistungsdenker und produktive Schriftsteller hat sich dafür auch gleich den passenden Namen einfallen lassen: die Müdigkeitsgesellschaft.

In der Müdigkeitsgesellschaft ist die Disziplinargesellschaft zu einer radikalen Leistungsgesellschaft geworden. Hier werden die Menschen nicht mehr durch Zwangsmechanismen von außen zur Disziplin gebracht, sie disziplinieren sich in aller Freiwilligkeit ganz von selbst und frönen damit einer neuen Kultur der Selbstausbeutung.

Müdigkeitseffekte zeigt das Denken immer dann, wenn es zur alternativlosen Kulturkritik wird. Ob Slavoj Žižeks Generalangriff auf die liberale Demokratie oder Peter Sloterdijks Verurteilung der traditionsbrüchigen Kinder der Neuzeit, radikale Systemkritik war schon länger nicht mehr so en vogue wie in diesen Zeiten.

Bei so viel Kapitalismuskritik lässt der Souveränitätseffekt nicht lange auf sich warten. Die müden Denker stecken unter einer Decke mit der Sache, die sie kritisieren: die Übermacht des Kapitals und die moralische Unterlegenheit der liberalen Demokratie können nur diejenigen anprangern, die selbst daran glauben.

Was Žižek, Sloterdijk, Han und Vogl in ihren meisterhaften Zeitdiagnosen vereint: Sie alle machen darauf aufmerksam, dass die westlichen Länder selbst Schuld an ihrer Misere tragen. Egal, ob im Kampf gegen Finanzkapitalismus, Islamismus, Digitalisierung oder globale Ressourcenverschwendung.

Und wer könnte da anderer Meinung sein, denn global gesehen kann die Menschheit diesen Kampf nur verlieren. Aber brauchen wir für diese Erkenntnis Tausende Seiten philosophischer Reflexionen, die am Ende nichts Neues bringen, außer die wortgewandte Problematisierung von Problemen, deren Ausweglosigkeit wir ohnehin schon kennen? Wo bleibt da der Mehrwert der klugen Meisterdenker für den Leser, der nicht schon wieder dem nächsten großen Untergangsepos zusehen möchte?

Man muss ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen und Panik verbreiten, die letztlich immer teurer ist als ihr gesellschaftlicher Gewinn. Auch nicht dann, wenn man es wie Žižek und Sloterdijk auf virtuose Weise tut. Genauso unwahrscheinlich ist es, der Menschheit ein antifragiles Wesen attestieren zu können – allerdings wäre dies eine höchstinteressante These im allgemein angestimmten Untergangs- und Katastrophengesang.

Wer zur Befreiung aus Gefangenschaft, Unterdrückung und Systemzwang aufruft, muss diese selbst erst einmal mit seinen philosophischen Praktiken verhängt haben. Und wer zu viel Inhalt in eine kulturkritische Form gießt, der läuft Gefahr zur bloßen Pose eines übermüdeten Denkens zu werden.

Bei so viel Müdigkeit und Alarmbereitschaft kann der Blick für Aktualität und Zukunft nur getrübt werden. Ein Denken ohne Anbindung an die Gegenwart und ohne mögliche Zukunftswelten ist jedoch kein Denken mehr. Es ist ein leidenschaftliches Rechnen und unterhaltsames Kalkül mit dem Zauber des Unvorhersehbaren.

Die großen Mahn- und Meisterwerke unserer Zeit als Effekte von Müdigkeit, Unterhaltungstrieb und Panik?

Souveränität im Denken klingt anders.

Auf der Suche nach dem verlorenen Ratgeber

Proust

Da muss erst ein Philosoph kommen und aus dem literarischen Werk Prousts einen Ratgeber zaubern, damit wir wieder einmal erkennen, was Literatur und Philosophie eigentlich und in ihrem Ursprung leisten können? Ja, Alain de Botton gibt seiner Anleitung auch gleich den richtigen Namen: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Und erinnert damit an nichts anderes als an die Tatsache, dass es eine wichtige Rolle von Literatur und Philosophie ist, das Leben der Menschen zu verändern.

Moment mal, und das soll am Beispiel von Proust gelingen? Ein Mann, der mehr Probleme hatte als ein einzelner Mensch in zwei Leben ertragen könnte! Ein Mann mit einer angeschlagenen Gesundheit, der zwar in seinen Texten logisch, komplex und präzise erscheint, in seinem Leben aber das Leiden zur Maxime Nr. 1 erhoben hat. Nein, es kann nur mit Proust gelingen, weil der Philosoph etwas kann, was der Schriftsteller selbst nicht konnte. Das Beste aus seinen Gedanken rauszuholen und in positive Empfehlungen und Inspirationen für das Leben umzuformulieren.

Und das geht ziemlich einfach. Gleich zu Beginn muss man zunächst die Absicht von Proust definieren und damit dem Ratgeber die entscheidende Richtung geben. In der Suche nach der verlorenen Zeit geht es Proust nicht um die Erinnerung an eine bessere und empfindsamere Epoche, sondern darum, „wie man aufhört, sein Leben zu verschwenden und es schätzen lernt.“ Damit sind wir am Kern jedes ratgeberischen Unternehmens angelangt: Steigerung der Wertschätzung für das eigene Leben und für die Welt. Mit Proust sind wir also auf der Suche nach der verlorenen Selbstakzeptanz.

Und das funktioniert bei Alain de Botton außerordentlich gut. Wir erfahren nicht nur, wie man mit Proust lernen kann, sich Zeit zu nehmen und richtig zu lesen. Plötzlich entdecken wir in Prousts Abwertung von Klischees eine Anleitung dazu, seine eigene Sprache zu finden und seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Mit der Aufmerksamkeit für Erinnerungen und Empfindungen können wir auf wunderbare Weise neu sehen lernen. Im Umgang mit Freundschaften kann man mit Proust sein ganz persönliches Maß an Streben nach Zuneigung entdecken. Wer hätte das gedacht!?

Na klar, das längste Kapitel, wie sollte es anders sein, ist dem erfolgreichen Leiden gewidmet (Wie man erfolgreich leidet). Aber auch hier können wir neben Kopfschütteln und Staunen über das Ausmaß an persönlichem Unglücksgefühl noch etwas anderes rausziehen. Wir verstehen, warum die Menschheit viel mehr Ideen hervorbringt als sie jemals umsetzen kann. Weil sie Ersatz für Leiden sind und eine kompensatorische Wirkung für das menschliche Bewusstsein haben.

Viele Charaktere in Prousts Romanen sind in ihrem Schmerz gefangen. Sie entwickeln die verrücktesten Abwehrmechanismen, um ihren Schmerz nicht zu spüren. Sie werden immer wieder von leidvollen Situationen überrascht, ohne aus ihnen zu lernen. Für die literarische Wirklichkeit ist dies legitim. Die philosophische Wirklichkeit darf hier nicht stehen bleiben. Und so zaubert Alain de Botton am Ende eine wertwolle Empfehlung aus dem Hut: Zufrieden kann nur der sein, der für sein eigenes Unglück und sein eigenes Leiden die volle Verantwortung übernimmt.

Diese Lektionen lernt man in diesem Ratgeber der anderen Art sowohl aus dem Leben von Marcel Proust als auch aus dem Leben der Romanfiguren. Hier erweist sich Alain de Botton als Pionier und revolutionärer Vordenker: Der Autor ist nicht tot. Vielmehr lebt er genauso wie die Romanhelden in einem Reich verändernder Wirklichkeit. Die Veränderung muss aber nicht in der Fiktion stattfinden. Sie wird aus der Fiktion in die Realität des Bewusstseins gezogen. Autobiografie und literarische Fiktion verbinden sich zu einem Mittel für Entwicklung und Veränderung. Hierin besteht die große Leistung des Ratgebers, der zwischen Anleitung und Antileitung changiert.

In letzter Konsequenz ist der Ratgeber ein Anti-Proust: Denn es kann nicht darum gehen, seine Welt mit unseren Augen zu betrachten. Produktiv ist es nur dann, wenn wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten. Diese Proustsche Perspektive, solange wir sie nicht übernehmen, kann uns verblüffen, zum Nachdenken anregen, zum Lachen bringen und unser Leben verändern.

Aber Vorsicht: Die melancholische Grundstimmung des Buches ist ansteckend. Daher unbedingt berücksichtigen, wie man ein Buch am besten aus der Hand gibt: Selbst die besten Bücher haben es verdient, in die Ecke geschmissen zu werden!

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Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, sondern er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles oder Nichts. Es geht um vertikalen Fortschritt, in dem radikal Neues erfunden wird. Peter Thiel entwirft hier nichts anderes als ein Manifest für die Start-up-Mentalität des 21. Jahrhunderts.

Bereits in diesem Intro treffen Avantgarde, Fortschrittsglaube und poststrukturalistische Magie aufeinander. Neues entsteht nur dann, wenn der Fortschritt intensiv, wenn die Idee wirklich neuartig ist. Um keine billige Kopie zu sein, muss sie auf einer neuen Ebene stattfinden. Daher fasst Thiel vertikalen oder intensiven Fortschritt auch mit dem Begriff „Technologie“ zusammen. Eingebettet ist dieser Avantgardismus des Neuen in eine brillante historische Perspektive auf die 90er Jahre und ihre Krisen und Blasen. Die These ist klar formuliert: Seit der Dotcom-Blase hat sich in den Köpfen des Silicon Valley ein bestimmtes Denken festgesetzt, an dessen Grundfesten Thiel nun rüttelt. Die vier alten Lektionen aus der Krise sind:

1. Gehe in kleinen Schritten vor.
2. Bleibe schlank und flexibel.
3. Wachse an der Konkurrenz.
4. Produkte sind wichtiger als ihr Vertrieb.

Diesen falschen Wahrheiten in den Köpfen der Unternehmer setzt Thiel in überzeugender Querdenker-Manier folgende vier Thesen entgegen:

1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität.
2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner.
3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft.
4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.

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Auf den darauf folgenden 160 Seiten erläutert und entfaltet Thiel seine Argumentation dafür, warum die ersten vier Glaubenssätze falsch und seine vier Thesen richtig sind. Dabei entdeckt er nicht nur die Ursache des fehlerhaften Wirtschaftsdenkens in der Physik des 19. Jahrhunderts (die die Wirtschaftswissenschaften und Statistik maßgeblich beeinflusst hat), er entlarvt ganz nebenbei auch das Geheimnis der Monopole: „Wettbewerb und Kapitalismus sind ein Widerspruch.“ Die Wirtschaftswissenschaften gingen fälschlicherweise von einem perfekten Gleichgewichtszustand in der Konkurrenz aller Unternehmen gegen alle aus. Im Gleichgewicht kann aber kein Unternehmen seine Einzigartigkeit entfalten. Im Gleichgewicht stirbt jede Energie den Kältetod des Universums.

Pro: Sehr inspirierende Gedankengänge. Der Text sprüht nur so vor anregenden Erkenntnissen und visionären Thesen. Zitate von z.B. Nietzsche, aus Goethes Faust und Tolkiens Herr der Ringe hält während der Lektüre so einige Überraschungen bereit. Die Lektüre ist unterhaltsam, herausfordernd und produktiv-provokativ.

Contra: Der Ansatz ist teils schematisch, teils polemisch. Auch die grafischen Darstellungen und Schaubilder sind im Vergleich zu den glänzenden Gedankengängen zu schematisch und zu simpel gehalten. Die Grundthese, dass ein Monopol der Zustand eines jeden erfolgreichen Unternehmens ist, lässt sich nicht halten. Auch dass Monopole ihre Einzigartigkeit nur fern jedes Wettbewerbs entwickeln können, trifft, wenn überhaupt, nur auf wenige Unternehmen zu.

In dem Buch finden sich zahlreiche Highlights: So etwa das große Lob auf den Vertrieb und die Arbeit des Verkäufers, womit Thiel die Trennung zwischen Vertrieb und Entwicklung radikal in Frage stellt. Ein weiteres Highlight ist das Kapitel zu „Mensch und Maschine“ sowie zum „Gründerparadox“. Hier erstellt Thiel ein amüsantes und faszinierendes Porträt von prominenten IT-Gründern und modernen Königen, von Richard Branson über Steve Jobs bis Elvis Presley, Britney Spears und Lady Gaga… womit das Prinzip des Monopols auch auf Menschen (Prominente) übertragbar wäre.

Ist Peter Thiel kreativer Querdenker oder elitärer Monopolist? Wie viel Transhumanismus steckt in seinem Beitrag zur Innovation und Rettung unserer Gesellschaft? Und wie viel ideologische Weltanschauung steckt in diesem Start-up-Manifest des Neuen und Einzigartigen? Peter Thiel ist schlau genug, keine starren Positionen einzunehmen. Sein Denken ist flexibel, mutig und thesenhaft. Es setzt an den richtigen Stellen an und entzieht sich dann wieder in die Unschärfe randloser Offenheit. Man bekommt den Eindruck, Thiel habe bei den Rhizomatikern Deleuze und Guattari eine Lektion in fließendem und formfreiem Denken erhalten, wenn er die Intensität zum höchsten Gut gesellschaftlicher Innovation erhebt. Bereits der Vorsokratiker Heraklit wusste ja, dass alles fließt.

Fazit: Zero to One ist mehr Denkübung als Anleitung, auch wenn es produktive Handlungs- und Denkempfehlungen bereitstellt. Dies macht das Buch einzigartig und absolut lesenswert. Es ist anregend und philosophisch im besten Sinne des Wortes: es regt zum Selbstdenken an und stellt gewohnte Denkmuster in Frage. Die Querdenker-Frage ist für jedermann empfehlenswert und anwendbar: „Welche Ihrer Überzeugungen würden nur wenige Menschen mit Ihnen teilen?“

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Die Macht der Macht oder du sollst nicht langweilen!

Macht ist ein Reizthema. Macht ist überall. Macht hat symbolischen Charakter und braucht Zeichen zur Demonstration ihrer Stärke. Statussymbole dieser Art kennt jeder und sie finden sich überall, egal ob im privaten Leben oder im Beruf. Im alltäglichen Denken und in den Medien ist Macht vielfach negativ besetzt. Oder anders gesagt, sie „hat oft einen negativen Beigeschmack“, wie der Autor Reiner Neumann schreibt.

Dass Macht allerdings auch produktiv ist, wird oftmals vergessen und unterschlagen. Wie Macht in der Gesellschaft wirkt und wie sie bis in den Alltag des Individuums ausstrahlt, ist die entscheidende Frage und grundsätzliche Motivation für dieses Buch. Es geht um die produktive Kraft von Macht, die die Beziehungen zwischen den Individuen im gesamtgesellschaftlichen Gefüge trägt und in permanenter Spannung hält. Mit Foucault gesprochen wirkt Macht bis in das Innere der Körper und lässt sich sogar an bestimmten körperlichen Bewegungen und Gesten ablesen. So weit, so gut. Was der Autor über das Phänomen Macht schreibt, trifft leider auch auf dieses Buch zu: ein negativer Beigeschmack.

Vorab: Es handelt sich um eine sehr verständlich geschriebene Einführung in die Thematik. Allerdings ist das Buch insgesamt zu trocken und zu theoretisch. Der an Bildung interessierte Leser wird an vielen Stellen nachfragen und zu weiterer Literatur greifen müssen. Der Leser mit Vorwissen wird nichts Neues erfahren. Und der an tatsächlichen Ratschlägen Interessierte wird vergeblich nach brauchbaren Handlungsempfehlungen suchen.

Die große Stärke des Buches liegt darin, einen wirklich breiten und flächendeckenden Überblick in das Phänomen der Macht zu vermitteln. Dabei gibt es drei Highlights: Im Kapitel „Macht und Sprache“ gibt es eine sehr pointierte Darlegung der kommunikationspsychologischen Gesprächsgrundlagen. Die Aussagenebenen von Schulz von Thun werden genauso erläutert wie die Praxis von offenen und geschlossenen Fragen. Das Buch zeigt ein paar wirkungsvolle Sätze für den Umgang mit negativen Fragen und der Höhepunkt ist ein kurzer Exkurs zu Schopenhauers eristischen Dialektik. Hier lernt man, seinen Gesprächspartner durch kurze aggressive Statements zu irritieren und zu überraschen. Ein weiteres Highlight besteht in den Kapiteln „Macht und Menge“ und „Macht und Beziehungen“. Hier liefert der Autor nicht nur profunde Analysen der Massen- und Gruppenpsychologie, in diesem Bereich kommen auch zahlreiche gut gewählte Beispiele aus Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft zum Einsatz.

Pro: Jedes Kapitel wird am Ende und manchmal auch zwischendurch mit kurzen Sätzen und Stichworten in einem grauen Kasten zusammengefasst. Sehr übersichtlich gehalten und die grauen Kästen sind eine effektive Methode für das lernende Verstehen.

Contra: Die einzelnen Themen gleiten nur so über die Oberfläche und gehen selten in die Tiefe. Die Beispiele sind zwar aktuell und anschaulich, aber standardisiert und mechanisch. Es fehlen tatsächliche Fallbeispiele. So verkommt die Macht der Macht in Allgemeinheiten und zuweilen auch in Plattitüden. Der Autor resümiert fast durchgängig und verzichtet fatalerweise auf eigene Gedanken. Schade, denn im Feuilleton wurde das Buch gelobt. Und auch die anderen Bücher kommen – zumindest hier bei amazon – viel besser weg. Wenn man dann jetzt noch den Mut hätte, ein anderes Buch in die Hand zu nehmen.

Für diese leider viel zu allgemeine Lektüre zwei Ratschläge von Billy Wilder und Theodor W. Adorno für Ratgeberliteratur im Allgemeinen: „Du sollst nicht langweilen!“ (Billy Wilder) und bitte auf eigene Gedanken nicht verzichten! Denn sonst wird der Ratgeber zum schlechten Essay: „Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben.“ (Theodor W. Adorno)