Müdigkeitseffekte des Denkens

Macht Denken traurig? Oder regt tägliches Denken die Glückshormone an? Für beide Thesen gibt es Anlass, dass daran etwas Wahres sein könnte. Denken ist nicht emotionslos, es ist emotional gefärbt und kann einen in unterschiedlichste Stimmungen versetzen.

Fakt ist, dass das Gehirn kein Muskel ist, den man wie seinen Bizeps trainieren kann. Ebenso wahr ist aber auch, dass es so etwas wie einen Muskelkater im Gehirn gibt. Wer zu viel denkt, gerät schnell ins Grübeln und wird im wahrsten Sinne des Wortes nachdenklich.

Dass Denken auch müde machen kann, zeigt zum Beispiel der Philosoph Byung-Chul Han. Der Hochleistungsdenker und produktive Schriftsteller hat sich dafür auch gleich den passenden Namen einfallen lassen: die Müdigkeitsgesellschaft.

In der Müdigkeitsgesellschaft ist die Disziplinargesellschaft zu einer radikalen Leistungsgesellschaft geworden. Hier werden die Menschen nicht mehr durch Zwangsmechanismen von außen zur Disziplin gebracht, sie disziplinieren sich in aller Freiwilligkeit ganz von selbst und frönen damit einer neuen Kultur der Selbstausbeutung.

Müdigkeitseffekte zeigt das Denken immer dann, wenn es zur alternativlosen Kulturkritik wird. Ob Slavoj Žižeks Generalangriff auf die liberale Demokratie oder Peter Sloterdijks Verurteilung der traditionsbrüchigen Kinder der Neuzeit, radikale Systemkritik war schon länger nicht mehr so en vogue wie in diesen Zeiten.

Bei so viel Kapitalismuskritik lässt der Souveränitätseffekt nicht lange auf sich warten. Die müden Denker stecken unter einer Decke mit der Sache, die sie kritisieren: die Übermacht des Kapitals und die moralische Unterlegenheit der liberalen Demokratie können nur diejenigen anprangern, die selbst daran glauben.

Was Žižek, Sloterdijk, Han und Vogl in ihren meisterhaften Zeitdiagnosen vereint: Sie alle machen darauf aufmerksam, dass die westlichen Länder selbst Schuld an ihrer Misere tragen. Egal, ob im Kampf gegen Finanzkapitalismus, Islamismus, Digitalisierung oder globale Ressourcenverschwendung.

Und wer könnte da anderer Meinung sein, denn global gesehen kann die Menschheit diesen Kampf nur verlieren. Aber brauchen wir für diese Erkenntnis Tausende Seiten philosophischer Reflexionen, die am Ende nichts Neues bringen, außer die wortgewandte Problematisierung von Problemen, deren Ausweglosigkeit wir ohnehin schon kennen? Wo bleibt da der Mehrwert der klugen Meisterdenker für den Leser, der nicht schon wieder dem nächsten großen Untergangsepos zusehen möchte?

Man muss ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen und Panik verbreiten, die letztlich immer teurer ist als ihr gesellschaftlicher Gewinn. Auch nicht dann, wenn man es wie Žižek und Sloterdijk auf virtuose Weise tut. Genauso unwahrscheinlich ist es, der Menschheit ein antifragiles Wesen attestieren zu können – allerdings wäre dies eine höchstinteressante These im allgemein angestimmten Untergangs- und Katastrophengesang.

Wer zur Befreiung aus Gefangenschaft, Unterdrückung und Systemzwang aufruft, muss diese selbst erst einmal mit seinen philosophischen Praktiken verhängt haben. Und wer zu viel Inhalt in eine kulturkritische Form gießt, der läuft Gefahr zur bloßen Pose eines übermüdeten Denkens zu werden.

Bei so viel Müdigkeit und Alarmbereitschaft kann der Blick für Aktualität und Zukunft nur getrübt werden. Ein Denken ohne Anbindung an die Gegenwart und ohne mögliche Zukunftswelten ist jedoch kein Denken mehr. Es ist ein leidenschaftliches Rechnen und unterhaltsames Kalkül mit dem Zauber des Unvorhersehbaren.

Die großen Mahn- und Meisterwerke unserer Zeit als Effekte von Müdigkeit, Unterhaltungstrieb und Panik?

Souveränität im Denken klingt anders.

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Arbeit, Angst, Kapital, Akademisierungswahn, 4-Stunden Woche, Mini-Ruhestand und Grundeinkommen für alle?

Arbeit macht süchtig! Arbeit macht krank! Du sollst nicht funktionieren! Ist Arbeiten eine Resonanzerfahrung oder einfach nur stupide Selbstentfremdung? Was früher an der instrumentellen Vernunft kritisiert wurde, scheint in unseren Tagen als Kritik an der Arbeit wiederzukehren. Work-Life-Balance heißt das neue Zauberwort, mit dem der verdinglichenden und krank machenden Arbeit der Kampf angesagt wird. Bereits in den Schulen treibt das Leistungsprinzip unsere Kinder in das Burnout, ganz zu schweigen von dem grundlegenden Missverständnis, dem unsere Kultur aufgesessen ist: dass exzellente Leistung auch Erfolg bedeutet.

Schlimmer könnte diese Nachricht nicht sein, die zu den Grundlagen einer Gesellschaft der Angst gehört. Denn nicht nur arbeiten wir uns zu Tode! In unserem Akademisierungswahn glauben wir auch noch daran, dass akademische Abschlüsse und die in Bildungseinrichtungen erbrachte Leistung uns zu zufriedenen und wohlhabenden Menschen macht. Dass Leistung und Arbeit kein Erfolgsgarant für Wohlstand und Reichtum sind, bestätigt auf gnadenlose Weise auch der Ökonom Thomas Piketty in seiner historischen Studie Das Kapital des 21. Jahrhunderts.

Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt sich nicht nur aus persönlichem Interesse am eigenen Glück und Geld. Denn darin sind sich die Forscher einig: Arbeit macht nicht nur unglücklich und krank, von ihr hängt ganz schlicht und einfach unser Glück ab. Daher formuliert Joachim Bauer diese eine entscheidende Frage, die sich wohl fast jeder stellt, so: Welchen Beitrag kann die Arbeit zu einem guten Leben leisten?

Das tolle und faszinierende an Bauers Buch Arbeit ist, dass er pointiert und souverän einen Überblick in die Gesamtthematik liefert. Ob aus neurowissenschaftlicher, medizinischer, psychologischer oder arbeitspolitischer Perspektive, in jedem Kapitel wird auf anschauliche Weise der aktuelle Stand der Diskussion zusammengefasst. Dabei regt der Autor mit seiner eigenen Meinung zur Auseinandersetzung mit der individuellen Arbeitssituation und Arbeitsweise an. Ob es die Unterscheidung zwischen breiter und fokussierter Aufmerksamkeit ist oder ob es um die Erkenntnis geht, dass schlechte Führung in Unternehmen zur Unzufriedenheit der Mitarbeiter beiträgt…nach der Lektüre wird man sich selbst und sein Unternehmen in einem neuen Licht erblicken.

Lösungen für eine bessere Work-Life-Balance gibt es wie Sand am Meer. Yoga, Pilates, gesunde Ernährung und Stressmanagement findet man meist an erster Stelle. Die Ratgeber- und Coachingszene hat sich hierfür ein riesiges Marktsegment erobert, das eine ebenso große Nachfrage erfährt. In der Müdigkeitsgesellschaft ist niemand geschützt vor der selbstzerstörerischen Selbstausbeutung. Man kann auch einfach die Trennung von Arbeit und Leben aufheben und sich zur intrinsischen Motivation und Liebe zur eigenen Berufung bekennen. Statt Work-Life-Balance heißt es dann Work-Life-Bullshit! Dahinter verbirgt sich ein wirklich anregender und fröhlicher Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Lamentieren über die Zumutung der Arbeit.

Ich persönlich finde die neueste Version des americam dream am besten: Bestseller-Autor Timothy Ferriss empfiehlt die 4-Stunden Woche als eleganten Ausweg aus dem Hamsterrad. Dabei sollte man diese Anleitung zum persönlichen Ponyhof nicht unterschätzen und als bloßen Kollektivtraum einer ausgebrannten Gesellschaft abtun. Mit teils realistischen Beispielen aus dem eigenen Leben und mit lesenswerten Tipps wird hier im Vorbeigehen einfach mal das Konzept des Ruhestands in Frage gestellt: Warum nimmt man nicht die üblichen 20-30 Jahre Ruhestand und teilt sie auf das ganze Leben auf, anstatt alles für das Ende aufzusparen?

Mit diesem gekonnten Auftakt in den Mini-Ruhestand lässt sich dann vielleicht auch die vielversprechendste Lösung für das Arbeitsproblem in Angriff nehmen: das Grundeinkommen für alle. In Berlin werden 12 Monate Grundeinkommen mittlerweile schon per Los vergeben. Viel Glück und toi toi toi…!