Yes, we candividuum!

Verstehen wir uns selbst als Persönlichkeit oder Individuum? Fragen wir dafür lieber die Psychologie oder die Soziologie – was wären Sie gerne, und wenn ja, wie viele? Die Frage, wie viele ein Mensch ist, zielt auf die Individualität einer Person. Zusammenführen lässt sich das Ganze wahrscheinlich am besten in der Frage nach der Identität. Die ist aber nicht nur individuell, sondern auch zahlreich.

Wahrscheinlich sind wir mehr Griechen als wir uns bewusst sind. Nicht umsonst haben uns Adorno und Horkheimer die Geschichte von Odysseus als die des modernen Individuums erzählt. Die Dialektik der Aufklärung ist eine Dialektik des Individuellen, die sich gegen das Individuum richtet. Die politische, ökonomische und warenästhetische Vereinnahmung des Individuums ist allgegenwärtig. Auch das moderne Individuum kämpft gegen die Mächte seines Schicksals. Aufklärung wird zur Diktatur, Kultur zur Industrie. So weit, so gut der kultige Sound der Frankfurter Schule.

Aber was genau macht uns individuell? Ist das Individuum authentisch, charismatisch, einzigartig, unteilbar? Das zumindest legt das griechische Wort atomos (das Unteilbare) nahe, aus dem der Begriff Individuum entstanden ist. Das Individuelle wird auch gerne als das Eigene bezeichnet. Doch scheinen wir hier einem Mythos auf den Leim zu gehen: dem Mythos vom individuellen Kern.

Der Philosoph Daniel Dennett hat die Suche nach dem Selbst so beschrieben: „Man betritt das Gehirn durch das Auge, läuft den optischen Nerv bergauf, geht dann im Cortex herum und schaut hinter jedes Neuron, und dann, bevor man es sich versieht, erreicht man auf dem Spike eines motorischen Nervenimpulses wieder das Tageslicht, kratzt sich am Kopf und wundert sich, wo das Selbst ist.“

Mythen sind aber ja die Wahrheiten von früher, nur ohne wissenschaftliche oder empirische Beweisführung. Und daher muss auch jeder Mythos einen wahren Kern haben. Das lässt sich besonders an dem Philosophen Michel Foucault zeigen. Wenn das Individuum schon keinen wahren Kern hat, so doch wenigstens die Geschichte vom Individuum – die wir uns im übrigen beinahe täglich selbst erzählen.

Foucault spricht von neuen Individualitäten an der Schwelle der Moderne. Damit meint er nicht nur das Disziplinarsubjekt, das im 19. Jahrhundert geboren wird. Er meint vor allem die Tatsache, dass die Humanwissenschaften in die Gesellschaft eindringen und fast alle Bereiche des Wissens und der Technik erobern. Das verändert die Art und Weise, wie wir das Individuum bewerten.

Das Werk Überwachen & Strafen haut in dieselbe Kerbe wie die Dialektik der Aufklärung, kommt aber zu einem anderen Ergebnis. Das Individuum ist nicht nur eine vorm Aussterben bedrohte Spezies. Es ist getötet worden und überlebt als wichtigste Idee der Freiheit. Das Individuum ist Ermordeter und Angeklagter. Als Disziplinarsubjekt wird es angeklagt und sitzt seine Strafe im Gefängnis ab. Überwachen und Strafen liest sich wie ein Kriminalroman. Am Anfang steht der Mord am Individuum. Die Macht ist überall. Sie besetzt den Körper und normiert jede Vorstellung von Individualität.

Der Mord am Individuum ist aber nur die Aufwertung des einzigartigen Werts des Individuellen. Es ist zwar gerade nicht unteilbar, aber dafür unersetzbar. Hat man erst einmal verstanden, dass die eigene Individualität nur über Bewertungen entsteht, ist der Weg zur gekränkten Gesellschaft nicht weit, da das Leiden an Entwertung und das Glück durch Anerkennung so zusammen gehören wie das Eiweiß zum Eigelb.

Eigelb und Eiweiß sind vielleicht ein gar nicht so schlechtes Bild für das Individuum. Individuum sein heißt nicht nur plural sein, es bedeutet getrennt sein. Ein Individuum, egal wie viele es ist, kann nicht mehr mit einem anderen Individuum verschmelzen. So wie Eigelb und Eiweiß, auch im Rührei, niemals eine einzige und unteilbare Substanz bilden werden.

Wer seine eigene Individualität verstehen will, hat gute Chancen, wenn er sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Sei nicht authentisch!, rät uns der Business Coach Stefan Wachtel. Individuell zu sein ist wohl für denjenigen am ehesten Realität, dem seine eigene Individualität egal ist. Dem nichtauthentischen Individuum geht es um den individuellen Eindruck, nicht um das individuelle Sein. Es weiß um die Illusion seiner Authentizität.

So ist der Wille zur authentischen Individualität wahrscheinlich das größte Hindernis auf dem Weg zu eigener Individualität. Und dann, wenn nichts mehr hilft, gibt es nur noch ein Heilmittel: Lernen, jeden Tag auf’s Neue. „Die Guten sind deshalb oben, weil sie jeden Tag lernen.“, sagt Dr. Stefan Wachtel.

Fazit: Die gekränkte Gesellschaft von Barbara Strohschein und Sei nicht authentisch! von Stefan Wachtel sind zwei sehr unterschiedliche und gute Einführungen in die Frage nach der eigenen Individualität. Die Dialektik der Aufklärung und Überwachen & Strafen ist wirklich nur für fortgeschrittene Individualisten, die auf anregende Weise erleben wollen, wie sehr gerade das 20. Jahrhundert vom Mythos der Individualität getragen wird.