Erleben macht glücklicher als Haben

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Als im Jahr 1992 das Buch ‚Erlebnisgesellschaft’ von Gerhard Schulze erscheint, besteht kein Zweifel mehr daran, dass Unterhaltung, Animation und Erlebnis zu Konsumgütern geworden sind, die sich auf hervorragende Weise vermarkten lassen. Heimliche und knappe Ressource in der Erlebnisgesellschaft sind Zeit, Aufmerksamkeit und die Qualität des Erlebten. Es reicht schon lange nicht mehr Dinge einfach nur zu tun, es muss schon ein gewisses Etwas, ein Erlebnisfaktor hinzukommen. Großstädte wie New York, London und Paris sind so sehr auf ihre Erlebnissphäre hin ausgerichtet, dass sie an manchen Stellen kaum noch von Disneyland zu unterscheiden sind.

Ein direktes Produkt dieser Gesellschaft ist die Generation Y, die in den fetten 80er und 90er Jahren aufgewachsen ist. Wenn für die Vertreter dieser verwöhnten Generation etwas klar ist, dann die Erkenntnis, dass sie es wahrscheinlich nicht besser haben werden als ihre Eltern. Da Reichtum, Wohlstand und materielle Stabilität der Eltern uneinholbar scheinen, verlieren auch die alten Statussymbole und Insignien der Macht an Bedeutung. Dieser Wertewandel findet, glaubt man Kerstin Bund, vor allem in der Arbeitswelt statt.

Statussymbole wie der Firmenwagen, die eigene Immobilie und der eigene Kleinwagen haben vielfach ausgedient. Die Generation Y strebt nach Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung. Das neue Zauberwort und Statussymbol heißt Autonomie. Mehr Freiheit in der Gestaltung von Beruf und individueller Freizeit. Für Kerstin Bund zählen folgende Werte für die neue Work-Life-Balance: mehr Freiheiten, gute Führung, bessere Vereinbarkeit, mehr Individualismus und richtige Belohnung.

Mit Glück schlägt Geld schreibt Kerstin Bund ein schonungsloses Generationenporträt, das auch vor Worten wie Selbstverwirklichung, Spaß und Individualismus keinen Halt macht. Echt absolut 90er, würde man spontan sagen, aber das Buch ist aus dem Jahr 2014. Im Jargon der Eigentlichkeit enthüllt es, was die Generation Y wirklich will: „Behütet aufgewachsen, gut vernetzt, selbstbewusst und anspruchsvoll. Das ist meine Generation, die nach 1980 Geborenen, die gerade hunderttausendfach die Arbeitswelt betreten und ihren Chefs genauso viel Aufmerksamkeit (wenigstens Blumen zum Geburtstag) und Anerkennung (ein Lob für die Extra-Arbeit) abverlangen wie ihren Eltern.“

Das ist vielleicht ein bisschen zu viel? Möglicherweise, ja. Auch die Autorin diskutiert zu ihrer These mehrere Perspektiven und bietet eine vielschichtige sowie differenzierte Lektüre. Damit entsteht ein Ratgeber der besonderen Art, denn gerade auf den letzten 50 Seiten stehen wertvolle Ratschläge und Handlungsempfehlungen für eine gelungene Transformation der Arbeitsweise. Nicht nur Flexibilisierung im Arbeiten, sondern auch im Denken ist am Ende Dreh- und Angelpunkt für eine gelungene Integration der anspruchsvollen Y-Bedürfnisse in den Unternehmen und Firmen. Mit zahlreichen Vorschlägen und Fallbeispielen wird das Buch zu einem lesenswerten und anregenden Ratgeber für ein flexibleres Arbeiten und Denken.

Mit der These, dass Glück wichtiger als Geld ist und Sinn wichtiger als Besitztum und Status, knüpft Kerstin Bund an ein Denken an, das hierzulande beispielsweise durch Erich Fromm populär geworden ist (Sein ist wichtiger als Haben). Allerdings ist es kaum vorstellbar (wenn auch wünschenswert!), dass mit dem Generationenporträt wirklich die Masse der Generation Y abgebildet sein kann. Die ZEIT-Redakteurin übersieht, dass Selbstbestimmung und Individualismus längst selbst zu akkumulierbaren Gütern und kapitalisierbaren Statussymbolen geworden  sind. Individualistischer Lebenswandel und Selbstbestimmung setzen ein hohes Maß an Erfolg und Prestige voraus.

Ein interessanter und wohltuender gesellschaftlicher Trend zur Flexibilisierung und Selbstbestimmung ist hiermit zwar angezeigt (Bund gibt auch zahlreiche Beispiele). Ob er sich allerdings auch mehrheitlich und branchenübergreifend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Nicht in allen großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen stehen das Sabbatical und flexible Arbeitszeiten auf der Tagesordnung.

Über das Finden und Bilden der eigenen Stimme

Wie wollen wir leben? Peter Bieri – eine Gastrezension von Ina Schmidt http://www.denkraeume.net/

„Wie wollen wir leben?“  ist eine Frage, die wohl kaum allgemeiner gestellt werden könnte und mit der wir alle etwas anfangen können. Wer nun aber glaubt, Peter Bieri würde darauf eine angenehme und leicht praktikable Antwort geben, der hat sich getäuscht – zu unser aller Glück. Sein Buch ist weniger eine Antwort, als der wohltuende Versuch einer Annäherung. Wie es Philosophen so tun, stellt Bieri auch gleich drei weitere Fragen: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Warum ist Selbsterkenntnis wichtig? Und: Wie entsteht kulturelle Identität? Diese drei Fragen begleiten die sehr persönliche Annäherung Bieris an das, was ein Leben ausmachen sollte, das wir leben wollen.

Das Besondere dem Buch liegt in der persönlichen Haltung, die zwischen den Zeilen mitzulesen ist. Sie überzeugt durch eine leise, und dennoch unverhandelbare Ernsthaftigkeit, mit der Bieri die eigene Unvollkommenheit jedes philosophischen Denkversuchs in die Frage nach dem guten Leben zu integrieren versucht. Dabei verlässt er nie den Pfad des strengen Denkens, das gute Gründe und klare Kriterien braucht, selbst es wenn es um das narrative Element der Selbstbestimmung, um die Geschichten, die wir uns unsere Erinnerungen erzählen und die Problematik der ständigen Selbstmanipulation geht. Um aber wirklich hinhören und betrachten zu können, fordert Bieri am Ende der ersten Vorlesung eine neue Form der Kultur: „Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, seine eigene Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen als das, alles andere müsste warten.“ Aber schon im nächsten Satz räumt er bescheiden und vielleicht mit einem gesunden Blick auf die Realität ein: „Unnötig zu sagen: Die Utopie eines Phantasten, eine phantastische Utopie.“

Dennoch hält Bieri auch in der zweiten Vorlesung am Versuch der Selbsterkenntnis fest und bleibt zum Glück bei der philosophischen Überzeugung, dass wir um uns wissen müssen, damit wir überhaupt handlungsfähig sind: „Wir können keinen Schritt tun, ohne zu wissen warum. Wenn wir den Grund vergessen haben, bleiben wir stehen. Erst wenn wir wieder wissen, was wir wollten, gehen wir weiter.“ Und dann kann Selbsterkenntnis zu dem werden, was Peter Bieri ihr trotz aller Widrigkeiten zuschreibt, „die „Quelle von Freiheit und damit von Glück“. Damit ist aber etwas anderes gemeint, als das, was wir derzeit in der großen Flut an „Glücksliteratur“ finden, in denen wir nur wenige Schritte tun müssen und meist ohne die Anstrengung wahrhafter Selbsterkenntnis auskommen sollen.

Das Glück liegt für Bieri gerade darin, eine „Übersicht über sich“ zu besitzen, egal ob uns das, was wir da sehen, immer gefällt und zu unserer Idee eines „glücklichen“ Lebens passt. Diese Übersicht gewinnen wir immer im Rahmen einer kulturellen Identität, „das komplexe Gewebe von bedeutungsvollen, sinnstiftenden Aktivitäten, das wir Kultur nennen“. Auf sehr schöne Weise und fernab von den gegenwärtigen Reformdebatten bringt er hier den zentralsten Begriff des Buches ins Spiel: Bildung. Bildung bedeutet für ihn die „wache , kenntnisreiche und kritische Aneignung von Kultur“ und begründet im Idealfall das Suchen und Finden einer eigenen Stimme. Kulturelle Identität als Ergebnis von persönlicher Bildung geht bei Peter Bieri also weit über gelehriges Bildungsbürgertum hinaus, sie hat zum Ziel, sich in den Ausdrucksformen der eigenen Kultur bewegen zu lernen und Beziehungen einzugehen, das Gesehene wirklich zu verinnerlichen und sich nicht auf das Wiederaufbereiten von Informationen zu beschränken.

Ohne in kulturpessimistische oder zynische Töne zu verfallen, konzentriert sich Bieri auf das, was ihm im wahrsten Sinne am Herzen liegt, die Potentiale einer solchen Bildung, die wir nur dann entfalten können, wenn wir uns auf wirkliche kulturelle Beziehungen einlassen, sie zu unserer Angelegenheit machen. Auch wenn hin und wieder ein wenig Kritik an den bestehenden „Denkapparaten“ nicht geschadet hätte, so liegt in Bieris Buch ein engagierter Appell, seine Idee der Bildung als persönliche Aufgabe ernst zu nehmen, und zwar schon im Moment des Lesens: „Sich bilden – das ist wie aufwachen“, sich selbst immer wieder aufs Neue zum Problem zu werden und durch die innere Bildung einen Weg zu suchen auf die damit verbundenen Fragen zu antworten – das ist der Ausgangspunkt, um die Frage nach dem guten Leben überhaupt in den Blick zu bekommen.

Dieses anspruchsvolle Vorhaben, das das Buch „Wie wollen wir leben?“ am Ende formuliert, ist alles andere als die Utopie eines Phantasten, sondern eine Notwendigkeit, die Bieri auf sehr leise und persönliche Weise anmahnt, ohne dabei in einen dozierenden Ton zu verfallen. Manchmal könnte diese Mahnung ruhig ein wenig lauter ausfallen, aber ebendiese Rolle eines Mahners, der weiß, wie es geht, lehnt Peter Bieri ab, ohne es zu sagen. Und vielleicht macht gerade das sein Buch so wertvoll, weil es zeigt, dass er sich im Schreiben und Sprechen dem eigenen Vorhaben stellt und damit immer in Augenhöhe mit seinen Lesern und Zuhörern bleibt, was nicht allzu oft vorkommt in der Welt philosophischer Gelehrigkeit. Ein wunderbares Buch, das kaum als Ratgeber, aber dafür als ständiger Begleiter taugt, um sich auf den Weg zu sich selbst zu machen.

Wie wollen wir leben? Peter Bieri – eine Gastrezension von Ina Schmidt http://www.denkraeume.net/

Glück, Genuss und Wahrheit des Kochens

Die Wohlfühlküche, mit diesem Versprechen möchte uns der britische Superstar-Koch Jamie Oliver an die anregende und wohltuende Wirkung von Kochen und Essen erinnern. Was bei ihm vor allem nostalgische Gründe hat, die Erinnerung an tolle Gerüche, Geschmäcker und Gerichte aus der Kindheit, wird in anderen Kontexten zum neuen Elixier der Glückseligkeit.

Ja, so scheint ein aktueller Trend in unserer angeblichen Fastfood-Gesellschaft zu sein: Genussvolles Kochen und Essen macht gesund, glücklich und fördert die persönliche Entwicklung. In Deutschland hat ein Mann die Herzen des Publikums im Sturm erobert: Attila Hildmann ist sein Name. Nicht nur sein kometenhafter Aufstieg als Kochbuchautor und Fitnessmodel ist erstaunlich, ebenso sein programmatischer Auftritt ist verblüffend. Die Geschichten um die Rezepte herum sind mindestens genauso wichtig wie das vegane Kochen selbst.

Gekonnt inszeniert Hildmann seine eigene Geschichte, die Herzkrankheit seines Adoptivvaters und den eigenen Abnehmerfolg. Vegane Küche kann Wunder vollbringen namens Gesundheit, Schlankheit und Verjüngung. Vegane Ernährung soll für Hildmann vor allem zwei Dinge senken: den Cholesterinspiegel und das biologische Alter – und damit zugleich das Wohlbefinden um einen signifikanten Teil steigern. Die Empfehlungen aus der Küche sind damit noch nicht an ihr Ende gekommen.

Jeder kennt das Gefühl, zu viel gegessen zu haben. Genauso kennt wohl jeder das behagliche und beglückende Gefühl, nach langer Zeit des Hungers endlich eine warme Mahlzeit in den Bauch zu bekommen. Das eigene Wohlgefühl ist zweifelsohne an die individuelle Ernährung und Nahrung gekoppelt. Was im Christentum noch als Sünde gegolten hat, die Völlerei, ist in einer auf Genuss abegestimmten Weise etwas ganz anderes als der Weg in die Hölle. Es ist auch nicht mehr einfach nur der Gang in eine Kochshow.

Den sicheren Weg zu mehr Glück, Erfolg und Persönlichkeit beschreitet für uns mal wieder der Bestseller-Import aus den USA. Dieses Mal aber nicht mit der Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern der Gruß kommt direkt aus der Laienküche. Ein dreißigjähriges Multitalent, das allerdings bis dato gar nicht kochen konnte, zeigt uns, wie man über das Kochen auch seine Persönlichkeit entwickeln kann. Das Konzept ist verworren, der Ansatz überzeugend: Wenn ich etwas Neues lerne, wie z.B. das Kochen, dann trainiere ich damit mein gesamtes kognitives Talentkostüm. Etwas Neues zu lernen heißt Fortschritte zu machen. Und diese sind der beste Weg zu mehr Erfolg und Glück im privaten sowie beruflichen Leben. „In so gut wie jedem Fach ist es möglich, binnen sechs Monaten oder weniger Weltklasseniveau zu erreichen“, meint Timothy Ferriss.

Ferriss’ Gerichte sind nicht unbedingt elegant, neu oder auffallend lecker. Es sind eher der originelle Zugang und die Haltung hinter der Motivation zu kochen, die faszinieren und zu einem zweiten Blick verführen. Für die elegante und ebenso für den Anfänger geeignete Küche zum Selberkochen greife man wohl besser zu Elisabeth Raethers schlanken Wochenmarkt. Wahrscheinlich sind es die sympathische Geschichte eines Mannes, der auszog um das Kochen zu lernen, und die genussvolle Verbindung von kochen, lernen und gutem Leben, die das Buch zu einem lesenswerten Buch machen.

Und die Moral von der Geschicht? Ein Kochbuch ist nicht einfach nur ein Kochbuch nicht. Und man muss kein Koch sein, um ein Kochbuch zu schreiben. Aber kochen und essen ist eine Bedingung der Möglichkeit, um Glück zu erfahren. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man selten allein kocht. Da wären sie wieder, die drei Bedingungen für ein gesundes und erfülltes Leben: soziale Beziehungen, Bewegung und gesunde Ernährung. Wie schön und einfach doch alles sein könnte.

Erleben macht glücklicher als Haben

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Als im Jahr 1992 das Buch ‚Erlebnisgesellschaft’ von Gerhard Schulze erscheint, besteht kein Zweifel mehr daran, dass Unterhaltung, Animation und Erlebnis zu Konsumgütern geworden sind, die sich auf hervorragende Weise vermarkten lassen. Heimliche und knappe Ressource in der Erlebnisgesellschaft sind Zeit, Aufmerksamkeit und die Qualität des Erlebten. Es reicht schon lange nicht mehr Dinge einfach nur zu tun, es muss schon ein gewisses Etwas, ein Erlebnisfaktor hinzukommen. Großstädte wie New York, London und Paris sind so sehr auf ihre Erlebnissphäre hin ausgerichtet, dass sie an manchen Stellen kaum noch von Disneyland zu unterscheiden sind.

Ein direktes Produkt dieser Gesellschaft ist die Generation Y, die in den fetten 80er und 90er Jahren aufgewachsen ist. Wenn für die Vertreter dieser verwöhnten Generation etwas klar ist, dann die Erkenntnis, dass sie es wahrscheinlich nicht besser haben werden als ihre Eltern. Da Reichtum, Wohlstand und materielle Stabilität der Eltern uneinholbar scheinen, verlieren auch die alten Statussymbole und Insignien der Macht an Bedeutung. Dieser Wertewandel findet, glaubt man Kerstin Bund, vor allem in der Arbeitswelt statt.

Statussymbole wie der Firmenwagen, die eigene Immobilie und der eigene Kleinwagen haben vielfach ausgedient. Die Generation Y strebt nach Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung. Das neue Zauberwort und Statussymbol heißt Autonomie. Mehr Freiheit in der Gestaltung von Beruf und individueller Freizeit. Für Kerstin Bund zählen folgende Werte für die neue Work-Life-Balance: mehr Freiheiten, gute Führung, bessere Vereinbarkeit, mehr Individualismus und richtige Belohnung.

Mit Glück schlägt Geld schreibt Kerstin Bund ein schonungsloses Generationenporträt, das auch vor Worten wie Selbstverwirklichung, Spaß und Individualismus keinen Halt macht. Echt absolut 90er, würde man spontan sagen, aber das Buch ist aus dem Jahr 2014. Im Jargon der Eigentlichkeit enthüllt es, was die Generation Y wirklich will: „Behütet aufgewachsen, gut vernetzt, selbstbewusst und anspruchsvoll. Das ist meine Generation, die nach 1980 Geborenen, die gerade hunderttausendfach die Arbeitswelt betreten und ihren Chefs genauso viel Aufmerksamkeit (wenigstens Blumen zum Geburtstag) und Anerkennung (ein Lob für die Extra-Arbeit) abverlangen wie ihren Eltern.“

Das ist vielleicht ein bisschen zu viel? Möglicherweise, ja. Auch die Autorin diskutiert zu ihrer These mehrere Perspektiven und bietet eine vielschichtige sowie differenzierte Lektüre. Damit entsteht ein Ratgeber der besonderen Art, denn gerade auf den letzten 50 Seiten stehen wertvolle Ratschläge und Handlungsempfehlungen für eine gelungene Transformation der Arbeitsweise. Nicht nur Flexibilisierung im Arbeiten, sondern auch im Denken ist am Ende Dreh- und Angelpunkt für eine gelungene Integration der anspruchsvollen Y-Bedürfnisse in den Unternehmen und Firmen. Mit zahlreichen Vorschlägen und Fallbeispielen wird das Buch zu einem lesenswerten und anregenden Ratgeber für ein flexibleres Arbeiten und Denken.

Mit der These, dass Glück wichtiger als Geld ist und Sinn wichtiger als Besitztum und Status, knüpft Kerstin Bund an ein Denken an, das hierzulande beispielsweise durch Erich Fromm populär geworden ist (Sein ist wichtiger als Haben). Allerdings ist es kaum vorstellbar (wenn auch wünschenswert!), dass mit dem Generationenporträt wirklich die Masse der Generation Y abgebildet sein kann. Die ZEIT-Redakteurin übersieht, dass Selbstbestimmung und Individualismus längst selbst zu akkumulierbaren Gütern und kapitalisierbaren Statussymbolen geworden  sind. Individualistischer Lebenswandel und Selbstbestimmung setzen ein hohes Maß an Erfolg und Prestige voraus.

Ein interessanter und wohltuender gesellschaftlicher Trend zur Flexibilisierung und Selbstbestimmung ist hiermit zwar angezeigt (Bund gibt auch zahlreiche Beispiele). Ob er sich allerdings auch mehrheitlich und branchenübergreifend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Nicht in allen großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen stehen das Sabbatical und flexible Arbeitszeiten auf der Tagesordnung.

Auf der Suche nach dem verlorenen Ratgeber

Proust

Da muss erst ein Philosoph kommen und aus dem literarischen Werk Prousts einen Ratgeber zaubern, damit wir wieder einmal erkennen, was Literatur und Philosophie eigentlich und in ihrem Ursprung leisten können? Ja, Alain de Botton gibt seiner Anleitung auch gleich den richtigen Namen: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Und erinnert damit an nichts anderes als an die Tatsache, dass es eine wichtige Rolle von Literatur und Philosophie ist, das Leben der Menschen zu verändern.

Moment mal, und das soll am Beispiel von Proust gelingen? Ein Mann, der mehr Probleme hatte als ein einzelner Mensch in zwei Leben ertragen könnte! Ein Mann mit einer angeschlagenen Gesundheit, der zwar in seinen Texten logisch, komplex und präzise erscheint, in seinem Leben aber das Leiden zur Maxime Nr. 1 erhoben hat. Nein, es kann nur mit Proust gelingen, weil der Philosoph etwas kann, was der Schriftsteller selbst nicht konnte. Das Beste aus seinen Gedanken rauszuholen und in positive Empfehlungen und Inspirationen für das Leben umzuformulieren.

Und das geht ziemlich einfach. Gleich zu Beginn muss man zunächst die Absicht von Proust definieren und damit dem Ratgeber die entscheidende Richtung geben. In der Suche nach der verlorenen Zeit geht es Proust nicht um die Erinnerung an eine bessere und empfindsamere Epoche, sondern darum, „wie man aufhört, sein Leben zu verschwenden und es schätzen lernt.“ Damit sind wir am Kern jedes ratgeberischen Unternehmens angelangt: Steigerung der Wertschätzung für das eigene Leben und für die Welt. Mit Proust sind wir also auf der Suche nach der verlorenen Selbstakzeptanz.

Und das funktioniert bei Alain de Botton außerordentlich gut. Wir erfahren nicht nur, wie man mit Proust lernen kann, sich Zeit zu nehmen und richtig zu lesen. Plötzlich entdecken wir in Prousts Abwertung von Klischees eine Anleitung dazu, seine eigene Sprache zu finden und seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Mit der Aufmerksamkeit für Erinnerungen und Empfindungen können wir auf wunderbare Weise neu sehen lernen. Im Umgang mit Freundschaften kann man mit Proust sein ganz persönliches Maß an Streben nach Zuneigung entdecken. Wer hätte das gedacht!?

Na klar, das längste Kapitel, wie sollte es anders sein, ist dem erfolgreichen Leiden gewidmet (Wie man erfolgreich leidet). Aber auch hier können wir neben Kopfschütteln und Staunen über das Ausmaß an persönlichem Unglücksgefühl noch etwas anderes rausziehen. Wir verstehen, warum die Menschheit viel mehr Ideen hervorbringt als sie jemals umsetzen kann. Weil sie Ersatz für Leiden sind und eine kompensatorische Wirkung für das menschliche Bewusstsein haben.

Viele Charaktere in Prousts Romanen sind in ihrem Schmerz gefangen. Sie entwickeln die verrücktesten Abwehrmechanismen, um ihren Schmerz nicht zu spüren. Sie werden immer wieder von leidvollen Situationen überrascht, ohne aus ihnen zu lernen. Für die literarische Wirklichkeit ist dies legitim. Die philosophische Wirklichkeit darf hier nicht stehen bleiben. Und so zaubert Alain de Botton am Ende eine wertwolle Empfehlung aus dem Hut: Zufrieden kann nur der sein, der für sein eigenes Unglück und sein eigenes Leiden die volle Verantwortung übernimmt.

Diese Lektionen lernt man in diesem Ratgeber der anderen Art sowohl aus dem Leben von Marcel Proust als auch aus dem Leben der Romanfiguren. Hier erweist sich Alain de Botton als Pionier und revolutionärer Vordenker: Der Autor ist nicht tot. Vielmehr lebt er genauso wie die Romanhelden in einem Reich verändernder Wirklichkeit. Die Veränderung muss aber nicht in der Fiktion stattfinden. Sie wird aus der Fiktion in die Realität des Bewusstseins gezogen. Autobiografie und literarische Fiktion verbinden sich zu einem Mittel für Entwicklung und Veränderung. Hierin besteht die große Leistung des Ratgebers, der zwischen Anleitung und Antileitung changiert.

In letzter Konsequenz ist der Ratgeber ein Anti-Proust: Denn es kann nicht darum gehen, seine Welt mit unseren Augen zu betrachten. Produktiv ist es nur dann, wenn wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten. Diese Proustsche Perspektive, solange wir sie nicht übernehmen, kann uns verblüffen, zum Nachdenken anregen, zum Lachen bringen und unser Leben verändern.

Aber Vorsicht: Die melancholische Grundstimmung des Buches ist ansteckend. Daher unbedingt berücksichtigen, wie man ein Buch am besten aus der Hand gibt: Selbst die besten Bücher haben es verdient, in die Ecke geschmissen zu werden!

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No Business like Glücksbusiness!

Vorab sei gesagt: bei der Eroberung des Glücks handelt es sich um einen sympathischen und wohlbekannten Abgesang auf den materiellen Reichtum. Ja, wir wissen es alle, Geld allein macht nicht glücklich. So weit, so gut. Interessant daran ist, dass das Buch 1930 veröffentlicht wurde, also genau ein Jahr nach der großen Weltwirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Nun machen die historischen Umstände ein Buch vielleicht interessant, aber deswegen ist es noch lange nicht gut.

Idee und Ansatz der Reihe sind super: Wir machen einen Klassiker für ein zeitgenössisches Publikum zugänglich. Allerdings führt der Untertitel mehr als in die Irre. Bereits ein kurzer Blick in das Inhaltsverzeichnis macht klar, dass es sich nicht um 52 Ideen für Ihr Business handelt. Zumindest nicht, wenn man Business im herkömmlichen Sinne versteht. Es handelt sich um eine Abfolge von 52 inspirierenden Gedankengängen zu den verschiedensten Themen, die in der Zeit der Weltwirtschaftskrise – ähnlich wie heute – angesagter waren denn je.

Die Erkenntnis, dass Geld allein nicht glücklich macht, paart sich mit einer Besinnung auf die guten alten Werte des individuellen Glücks. An vielen Stellen offenbaren sich Russels Ratschläge als äußerst modern. Er spricht sich gegen das konventionelle Konkurrenzdenken aus und erinnert damit ganz ohne Zufall an den elitären Ansatz von IT und Silicon Valley Guru Peter Thiel. Andere Kapitel thematisieren, wie man Potenziale nutzt, ein gesundes Maß an Optimismus, Vergnügen und Lebensfreude gewinnt und dass Liebe in einer Beziehung bedeutet, Freude zu teilen und somit auch Glück zu vermehren. Eine ganze Anzahl anderer Kapitel widmet sich den Themen Erziehung im Umgang von Eltern mit ihren Kindern.

Pro: Zu jedem der 52 kurzen Kapitel gibt es ansprechende Zitate rechts oben und links unten auf jeder Seite. Das macht die Textzusammenstellung zu einem schönen und inspirierenden Gesamtkunstwerk im Collagestil. Die nüchterne und teils pragmatisch-sachliche Haltung von Bertrand Russel findet sich in Sprache und Stil wieder.

Contra: Das Buch ist weder Fisch noch Fleisch. Es ist zu unpersönlich geschrieben, um ein anregender und ansprechender Ratgeber zu sein. Dann hat der Verfasser aber auch zu viel in die Trickkiste der Wir-Perspektive gegriffen. Das Wir ist eher langweilig als dass es einen mitnehmen würde. Ich kann mich nicht immer mit dem Wir identifizieren. Die direkte und emotionale Ansprache fehlen. Es handelt sich definitiv nicht um 52 Ideen für Ihr Business, sondern um 52 Gedanken zu einem erfolgreichen, glücklichen und gelingenden Leben. Und schließlich kommen in dem Buch zu wenig Zitate und originale Gedanken von Bertrand Russel vor. Es wird zu viel referiert und man kann nur selten zwischen Meinung des Autors und dem echten Gedanken des Philosophen unterscheiden.

Spannend ist die Mischung aus Binsenweisheiten und Anti-Ratgeber-Tendenzen. Es wird mehrere Male dazu aufgerufen, andere Ratgeber wegzuschmeißen und Überzeugungen über Bord zu werfen. Insgesamt schwankt Russel – oder der Autor – zwischen der Position sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und die eigenen Wünsche und Lüste in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Auch hier wieder ein Zeichen für das moderne Denken von Russel, der sich für einen moderaten Hedonismus trotz aller Widersprüche im Leben ausspricht.

Was ganz klar fehlt: Die Erkenntnis, dass die Bewertung der individuellen materiellen Lebensumstände relativ ist zu dem, was die Menschen in meiner Umgebung besitzen. Besitztum und Reichtum orientiert sich daran, was andere haben und als reich definieren.