Born to learn

Leben ist Arbeit, Arbeit, Arbeit… Wenn Peter Sloterdijk im Jahr 2009 Rilkes Satz Du musst dein Leben ändern! zum ästhetischen Imperativ unserer Zeit erklärt, so ist mittlerweile mindestens ein weiterer hinzugekommen: Du musst dein Leben lang lernen!

Ob beim Kochen, Tauchen, Wandern, Laufen, Denken, Schminken oder Segeln, wir kommen nicht umhin, bei all diesen Tätigkeiten zu lernen. Das menschliche Gehirn selbst ist auf lebenslanges Lernen und permanente Veränderung angelegt, wie die neueste Hirnforschung zeigt.

Der Autor Robert Greene geht in seinem Buch Perfekt! davon aus, dass jeder Mensch bestimmte Lernkurven und eine ganz individuelle Lehrzeit durchläuft, bevor er zu seinem persönlichen Kreativitätspotenzial gelangt. Anhand unterschiedlichster Denker und Persönlichkeiten wie Benjamin Franklin, Charles Darwin, Marie Curie, Martha Graham und Wolfgang Amadeus Mozart erzählt er von den verschiedenen Phasen, Hindernissen und Durchbrüchen einer kreativen Laufbahn.

Learn your personal lessons und folge deiner ganz individuellen Lernkurve, das bedeutet nicht nur Disziplin, Talent und Ausdauer, auch der Körper und das soziale Umfeld beeinflussen das Lernverhalten. Das Gedächtnis sitzt im ganzen Körper, wie Christian Ankowitsch in seinem Buch Warum Einstein niemals Socken trug auf unterhaltsame Weise beschreibt.

Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst entgeht uns im Alltag wahrscheinlich genauso oft wie das Umfeld, in dem wir lernen. Auf die Rolle des Umfeldes für unseren Lernprozess macht uns Prof. Dr. Onur Güntürkün in seinem kurzweiligen und äußerst informativen ZEIT Akademie Seminar aufmerksam, eine grandiose Einführung in das Spektrum aktueller Hirnforschung.

So wie der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt (Schiller), so ist er auch da nur ganz Mensch, wo er übt. Das Üben ist eine grundlegende Essenz des menschlichen Daseins oder die Erfindung des Menschen als lernendes Wesen: Born to learn.

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Wie arbeiten, altern und sterben wir in Zukunft? Über Helmut Schmidt, Europa und Feminismus

Wenn Helmut Schmidt mit einer Aussage zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit bei Facebook über 3400 Likes, 2700 Kommentare und beinahe 800 Shares erhält, dann liegt das daran, dass er zweifellos zwei der brennendsten Themen in Europa berührt hat.

Wie wollen wir in Zukunft in Europa leben und arbeiten? Wie stark wird der Europäer über seine Arbeits- und Lebenszeit – und damit auch über sein Sterben – in Zukunft entscheiden können?

In den letzten Jahren wird niemand an den äußerst optimistischen Thesen von Jeremy Rifkin zur Zukunft der Arbeit vorbeigekommen sein. Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass der Niedergang des Kapitalismus den Beginn einer sozialen Gemeinschaft bedeutet, wie zuletzt im Campus-Bestseller Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft nachzulesen war.

Zum Sterben gibt es nicht weniger optimistische Nachrichten. Stellen doch die meisten Religionen dieser Welt eine Perspektive nach dem Tod in Aussicht, die zumindest Anlass zu Hoffnung gibt. Viel entscheidender ist allerdings die Frage, inwieweit ich als Person über meinen eigenen Tod verfügen kann.

Wie wollen wir sterben?, fragt Michael de Ridder. Selbstbestimmt, antwortet Gian Domenico Borasio. Der französische Intellektuelle André Gorz hat aus dem gemeinsamen Freitod mit seiner Frau gar die Geschichte einer Liebe gemacht.

Die Frage, wie wir altern wollen, ist mindestens so brennend wie die Frage nach dem Sterben. Nicht zuletzt, weil sie viel mehr im Leben stattfindet als der Tod. Über das Alter hat Simone de Beauvoir ein einzigartiges Gedankenkunstwerk verfasst. Die Frage, ob man auch im hohen Alter noch einmal so richtig durchstarten kann, beantwortet Eveline Hall mit ihrem bemerkenswerten Lebenskunstwerk, die mit beinahe 70 Jahren ihr erstes Album auf den Markt bringen wird. Und das unabhängig davon, ob das neue Projekt nun die Sensation des Jahres wird oder nicht. Erfolg ist eben heute emanzipiert.

Damit wären wir auf subtilen Umwegen beim brennendsten Thema in Europa angekommen: die Frau. Angela Merkel, Caroline Emcke, Yasmina Reza, Miriam Meckel, Judith Butler, Ursula von der Leyen, Alice Schwarzer, Anne Will, Susanne Baer, Senta Berger… die Liste starker und emanzipierter Frauen ist lang. Keine andere Gesellschaft kämpft so sehr für ihre Frauen wie die europäische, sei es in Führungspositionen oder für mehr Relevanz in der Öffentlichkeit.

Die Emanzipation Europas ist auch eine Geschichte des Feminismus. Und auch wenn man den nicht mögen muss, so trifft er doch einen Nerv unserer Zeit, wie Mara Delius auf originelle und entwaffnende Weise zeigt. Gegenwind  bekommt sie von einer anderen Frau, Sibylle Berg. Allerdings ist auch dies wahrscheinlich nur Ausdruck einer gesunden Debatte.

Selbstverständlich könnte man in guter sozialhistorischer Manier an den politischen Techniken, mit denen eine Gesellschaft ihren ökonomischen und politischen Problemen begegnet, ihren Allgemeinzustand ablesen und erkennen, wohin sie sich entwickelt. Es sind aber nicht nur der Euro und die europäische Union, die über die Zukunft Europas entscheiden.

Es sind die letzten und ersten Fragen einer Gesellschaft, die eine entscheidende Auskunft über den Aggregatszustand und die Überlebensfähigkeit eines vereinten Europas geben. So auch die Frage nach der Frau in der Gesellschaft. Bereits im alten Rom galten die Vestalinnen, eine besondere Gruppe weiblicher Priesterinnen, als Symbole für die Kontinuität der res publica.

Und wie in der römischen Antike lassen sich auch heute Auf- und Abstieg einer Hochkultur am Status der Frau ablesen. Nur mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie in der europäischen Kultur nicht außerhalb der Gesellschaft steht, sondern mittendrin, in Lebensalltag, Arbeitswelt und Gesellschaft.

Eine neue Generation mit Perspektivwechsel

Man kann die Geschichte der Philosophie als einen Jahrtausende andauernden Versuch bezeichnen, im Denken Orientierung zu finden. Und das ist bekanntermaßen gar nicht so leicht, denn es gibt Momente im Leben, in denen man aus sich selbst einfach nicht schlau wird.

Wer sich im Denken orientieren will, der möchte vor allem in der Welt Orientierung finden. Auch darin waren die Philosophen nicht immer gerade Meister, aber es ist ja bekannt, dass das, was jemand lehrt, nicht immer auch das ist, was er selbst am besten können muss.

Letztlich läuft jeder Orientierungsversuch im Denken auf eine Orientierung im Leben hinaus. Der bewusst denkende Mensch möchte sich in seiner Existenz erleben, seine Träume leben, seine Illusionen durchschauen und das Leben führen, das ihn erfüllt und glücklich macht. Es geht dabei um die alte Frage, wie wir unser Leben leben wollen. Um Selbsterkenntnis, die mit Peter Bieri gesprochen Quelle von Freiheit und damit von Glück ist.

Der Philosoph Nicolas Dierks unterscheidet daher zwischen einer Alltagsperspektive und einer Lebensperspektive. Während die Alltagsperspektive vor allem auf eine effiziente und handlungsorientierte Bewältigung des Alltags ausgerichtet ist, umfasst die Lebensperspektive das Ganze des Lebens, die Vision oder den höheren Sinn im individuellen Leben.

Richard David Precht war einer der ersten Philosophen am Beginn des 21. Jahrhunderts, der die Philosophie einem größeren Publikum, ja einer ganzen Masse deutscher Leser nahegebracht hat. Als Meister der Popularisierung und medialen Inszenierung ist er quasi der Prototyp für eine neue Generation junger Autoren, die die Philosophie wieder primär als Orientierung im Denken begreifen.

Was tue ich hier eigentlich? Warum es die Welt nicht gibt und Folge dem weißen Kaninchen sind drei Bücher, die jeweils auf hervorragende und überraschende Weise in die Philosophie einführen. Während Nicolas Dierks die individuelle Sinnsuche im Leben für ein größeres Publikum greifbar macht, haben Philipp Hübl und Markus Gabriel der Orientierung in der Welt einen innovativen und neuartigen Zugang gegeben. (In der Philosophie spricht man von Erkenntnistheorie)

Sie alle sind eine neue Generation philosophischer Autoren, die wie ganz selbstverständlich das Wissen aus Science-Fiction und TV-Serien in ihr Denken einbeziehen. Damit sind sie nicht nur multimediale Denker, sondern auch die ersten digital immigrants der philosophischen Szene.

Gemeinsam mit ihrem Prototypen Richard David Precht teilen sie ein neues Selbstbewusstsein: Sie wollen auf verständlichem Niveau und mit eigener Sprache und Meinung philosophieren, ohne die akademische Philosophie an der Universität dabei schlecht zu reden.

Wie Jim Holt in seiner Geschichte „Gibt es alles oder nichts?“ erkunden die Autoren unseren individuellen Platz im Universum, die endliche Existenz des Menschen. Orientierung im Denken bleibt aber blind, wenn es nicht zu einer Orientierung im Handeln führt. Daher kann bei aller Philosophie auch ein wenig Antifragilität nicht schaden. Nassim Nicholas Taleb, der sich als Schwarzer Schwan der Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten dabei wiederum auf zahlreiche Philosophen beruft, sei Dank…

Über das Finden und Bilden der eigenen Stimme

Wie wollen wir leben? Peter Bieri – eine Gastrezension von Ina Schmidt http://www.denkraeume.net/

„Wie wollen wir leben?“  ist eine Frage, die wohl kaum allgemeiner gestellt werden könnte und mit der wir alle etwas anfangen können. Wer nun aber glaubt, Peter Bieri würde darauf eine angenehme und leicht praktikable Antwort geben, der hat sich getäuscht – zu unser aller Glück. Sein Buch ist weniger eine Antwort, als der wohltuende Versuch einer Annäherung. Wie es Philosophen so tun, stellt Bieri auch gleich drei weitere Fragen: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Warum ist Selbsterkenntnis wichtig? Und: Wie entsteht kulturelle Identität? Diese drei Fragen begleiten die sehr persönliche Annäherung Bieris an das, was ein Leben ausmachen sollte, das wir leben wollen.

Das Besondere dem Buch liegt in der persönlichen Haltung, die zwischen den Zeilen mitzulesen ist. Sie überzeugt durch eine leise, und dennoch unverhandelbare Ernsthaftigkeit, mit der Bieri die eigene Unvollkommenheit jedes philosophischen Denkversuchs in die Frage nach dem guten Leben zu integrieren versucht. Dabei verlässt er nie den Pfad des strengen Denkens, das gute Gründe und klare Kriterien braucht, selbst es wenn es um das narrative Element der Selbstbestimmung, um die Geschichten, die wir uns unsere Erinnerungen erzählen und die Problematik der ständigen Selbstmanipulation geht. Um aber wirklich hinhören und betrachten zu können, fordert Bieri am Ende der ersten Vorlesung eine neue Form der Kultur: „Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, seine eigene Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen als das, alles andere müsste warten.“ Aber schon im nächsten Satz räumt er bescheiden und vielleicht mit einem gesunden Blick auf die Realität ein: „Unnötig zu sagen: Die Utopie eines Phantasten, eine phantastische Utopie.“

Dennoch hält Bieri auch in der zweiten Vorlesung am Versuch der Selbsterkenntnis fest und bleibt zum Glück bei der philosophischen Überzeugung, dass wir um uns wissen müssen, damit wir überhaupt handlungsfähig sind: „Wir können keinen Schritt tun, ohne zu wissen warum. Wenn wir den Grund vergessen haben, bleiben wir stehen. Erst wenn wir wieder wissen, was wir wollten, gehen wir weiter.“ Und dann kann Selbsterkenntnis zu dem werden, was Peter Bieri ihr trotz aller Widrigkeiten zuschreibt, „die „Quelle von Freiheit und damit von Glück“. Damit ist aber etwas anderes gemeint, als das, was wir derzeit in der großen Flut an „Glücksliteratur“ finden, in denen wir nur wenige Schritte tun müssen und meist ohne die Anstrengung wahrhafter Selbsterkenntnis auskommen sollen.

Das Glück liegt für Bieri gerade darin, eine „Übersicht über sich“ zu besitzen, egal ob uns das, was wir da sehen, immer gefällt und zu unserer Idee eines „glücklichen“ Lebens passt. Diese Übersicht gewinnen wir immer im Rahmen einer kulturellen Identität, „das komplexe Gewebe von bedeutungsvollen, sinnstiftenden Aktivitäten, das wir Kultur nennen“. Auf sehr schöne Weise und fernab von den gegenwärtigen Reformdebatten bringt er hier den zentralsten Begriff des Buches ins Spiel: Bildung. Bildung bedeutet für ihn die „wache , kenntnisreiche und kritische Aneignung von Kultur“ und begründet im Idealfall das Suchen und Finden einer eigenen Stimme. Kulturelle Identität als Ergebnis von persönlicher Bildung geht bei Peter Bieri also weit über gelehriges Bildungsbürgertum hinaus, sie hat zum Ziel, sich in den Ausdrucksformen der eigenen Kultur bewegen zu lernen und Beziehungen einzugehen, das Gesehene wirklich zu verinnerlichen und sich nicht auf das Wiederaufbereiten von Informationen zu beschränken.

Ohne in kulturpessimistische oder zynische Töne zu verfallen, konzentriert sich Bieri auf das, was ihm im wahrsten Sinne am Herzen liegt, die Potentiale einer solchen Bildung, die wir nur dann entfalten können, wenn wir uns auf wirkliche kulturelle Beziehungen einlassen, sie zu unserer Angelegenheit machen. Auch wenn hin und wieder ein wenig Kritik an den bestehenden „Denkapparaten“ nicht geschadet hätte, so liegt in Bieris Buch ein engagierter Appell, seine Idee der Bildung als persönliche Aufgabe ernst zu nehmen, und zwar schon im Moment des Lesens: „Sich bilden – das ist wie aufwachen“, sich selbst immer wieder aufs Neue zum Problem zu werden und durch die innere Bildung einen Weg zu suchen auf die damit verbundenen Fragen zu antworten – das ist der Ausgangspunkt, um die Frage nach dem guten Leben überhaupt in den Blick zu bekommen.

Dieses anspruchsvolle Vorhaben, das das Buch „Wie wollen wir leben?“ am Ende formuliert, ist alles andere als die Utopie eines Phantasten, sondern eine Notwendigkeit, die Bieri auf sehr leise und persönliche Weise anmahnt, ohne dabei in einen dozierenden Ton zu verfallen. Manchmal könnte diese Mahnung ruhig ein wenig lauter ausfallen, aber ebendiese Rolle eines Mahners, der weiß, wie es geht, lehnt Peter Bieri ab, ohne es zu sagen. Und vielleicht macht gerade das sein Buch so wertvoll, weil es zeigt, dass er sich im Schreiben und Sprechen dem eigenen Vorhaben stellt und damit immer in Augenhöhe mit seinen Lesern und Zuhörern bleibt, was nicht allzu oft vorkommt in der Welt philosophischer Gelehrigkeit. Ein wunderbares Buch, das kaum als Ratgeber, aber dafür als ständiger Begleiter taugt, um sich auf den Weg zu sich selbst zu machen.

Wie wollen wir leben? Peter Bieri – eine Gastrezension von Ina Schmidt http://www.denkraeume.net/

Müdigkeitseffekte des Denkens

Macht Denken traurig? Oder regt tägliches Denken die Glückshormone an? Für beide Thesen gibt es Anlass, dass daran etwas Wahres sein könnte. Denken ist nicht emotionslos, es ist emotional gefärbt und kann einen in unterschiedlichste Stimmungen versetzen.

Fakt ist, dass das Gehirn kein Muskel ist, den man wie seinen Bizeps trainieren kann. Ebenso wahr ist aber auch, dass es so etwas wie einen Muskelkater im Gehirn gibt. Wer zu viel denkt, gerät schnell ins Grübeln und wird im wahrsten Sinne des Wortes nachdenklich.

Dass Denken auch müde machen kann, zeigt zum Beispiel der Philosoph Byung-Chul Han. Der Hochleistungsdenker und produktive Schriftsteller hat sich dafür auch gleich den passenden Namen einfallen lassen: die Müdigkeitsgesellschaft.

In der Müdigkeitsgesellschaft ist die Disziplinargesellschaft zu einer radikalen Leistungsgesellschaft geworden. Hier werden die Menschen nicht mehr durch Zwangsmechanismen von außen zur Disziplin gebracht, sie disziplinieren sich in aller Freiwilligkeit ganz von selbst und frönen damit einer neuen Kultur der Selbstausbeutung.

Müdigkeitseffekte zeigt das Denken immer dann, wenn es zur alternativlosen Kulturkritik wird. Ob Slavoj Žižeks Generalangriff auf die liberale Demokratie oder Peter Sloterdijks Verurteilung der traditionsbrüchigen Kinder der Neuzeit, radikale Systemkritik war schon länger nicht mehr so en vogue wie in diesen Zeiten.

Bei so viel Kapitalismuskritik lässt der Souveränitätseffekt nicht lange auf sich warten. Die müden Denker stecken unter einer Decke mit der Sache, die sie kritisieren: die Übermacht des Kapitals und die moralische Unterlegenheit der liberalen Demokratie können nur diejenigen anprangern, die selbst daran glauben.

Was Žižek, Sloterdijk, Han und Vogl in ihren meisterhaften Zeitdiagnosen vereint: Sie alle machen darauf aufmerksam, dass die westlichen Länder selbst Schuld an ihrer Misere tragen. Egal, ob im Kampf gegen Finanzkapitalismus, Islamismus, Digitalisierung oder globale Ressourcenverschwendung.

Und wer könnte da anderer Meinung sein, denn global gesehen kann die Menschheit diesen Kampf nur verlieren. Aber brauchen wir für diese Erkenntnis Tausende Seiten philosophischer Reflexionen, die am Ende nichts Neues bringen, außer die wortgewandte Problematisierung von Problemen, deren Ausweglosigkeit wir ohnehin schon kennen? Wo bleibt da der Mehrwert der klugen Meisterdenker für den Leser, der nicht schon wieder dem nächsten großen Untergangsepos zusehen möchte?

Man muss ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen und Panik verbreiten, die letztlich immer teurer ist als ihr gesellschaftlicher Gewinn. Auch nicht dann, wenn man es wie Žižek und Sloterdijk auf virtuose Weise tut. Genauso unwahrscheinlich ist es, der Menschheit ein antifragiles Wesen attestieren zu können – allerdings wäre dies eine höchstinteressante These im allgemein angestimmten Untergangs- und Katastrophengesang.

Wer zur Befreiung aus Gefangenschaft, Unterdrückung und Systemzwang aufruft, muss diese selbst erst einmal mit seinen philosophischen Praktiken verhängt haben. Und wer zu viel Inhalt in eine kulturkritische Form gießt, der läuft Gefahr zur bloßen Pose eines übermüdeten Denkens zu werden.

Bei so viel Müdigkeit und Alarmbereitschaft kann der Blick für Aktualität und Zukunft nur getrübt werden. Ein Denken ohne Anbindung an die Gegenwart und ohne mögliche Zukunftswelten ist jedoch kein Denken mehr. Es ist ein leidenschaftliches Rechnen und unterhaltsames Kalkül mit dem Zauber des Unvorhersehbaren.

Die großen Mahn- und Meisterwerke unserer Zeit als Effekte von Müdigkeit, Unterhaltungstrieb und Panik?

Souveränität im Denken klingt anders.

Glück, Genuss und Wahrheit des Kochens

Die Wohlfühlküche, mit diesem Versprechen möchte uns der britische Superstar-Koch Jamie Oliver an die anregende und wohltuende Wirkung von Kochen und Essen erinnern. Was bei ihm vor allem nostalgische Gründe hat, die Erinnerung an tolle Gerüche, Geschmäcker und Gerichte aus der Kindheit, wird in anderen Kontexten zum neuen Elixier der Glückseligkeit.

Ja, so scheint ein aktueller Trend in unserer angeblichen Fastfood-Gesellschaft zu sein: Genussvolles Kochen und Essen macht gesund, glücklich und fördert die persönliche Entwicklung. In Deutschland hat ein Mann die Herzen des Publikums im Sturm erobert: Attila Hildmann ist sein Name. Nicht nur sein kometenhafter Aufstieg als Kochbuchautor und Fitnessmodel ist erstaunlich, ebenso sein programmatischer Auftritt ist verblüffend. Die Geschichten um die Rezepte herum sind mindestens genauso wichtig wie das vegane Kochen selbst.

Gekonnt inszeniert Hildmann seine eigene Geschichte, die Herzkrankheit seines Adoptivvaters und den eigenen Abnehmerfolg. Vegane Küche kann Wunder vollbringen namens Gesundheit, Schlankheit und Verjüngung. Vegane Ernährung soll für Hildmann vor allem zwei Dinge senken: den Cholesterinspiegel und das biologische Alter – und damit zugleich das Wohlbefinden um einen signifikanten Teil steigern. Die Empfehlungen aus der Küche sind damit noch nicht an ihr Ende gekommen.

Jeder kennt das Gefühl, zu viel gegessen zu haben. Genauso kennt wohl jeder das behagliche und beglückende Gefühl, nach langer Zeit des Hungers endlich eine warme Mahlzeit in den Bauch zu bekommen. Das eigene Wohlgefühl ist zweifelsohne an die individuelle Ernährung und Nahrung gekoppelt. Was im Christentum noch als Sünde gegolten hat, die Völlerei, ist in einer auf Genuss abegestimmten Weise etwas ganz anderes als der Weg in die Hölle. Es ist auch nicht mehr einfach nur der Gang in eine Kochshow.

Den sicheren Weg zu mehr Glück, Erfolg und Persönlichkeit beschreitet für uns mal wieder der Bestseller-Import aus den USA. Dieses Mal aber nicht mit der Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern der Gruß kommt direkt aus der Laienküche. Ein dreißigjähriges Multitalent, das allerdings bis dato gar nicht kochen konnte, zeigt uns, wie man über das Kochen auch seine Persönlichkeit entwickeln kann. Das Konzept ist verworren, der Ansatz überzeugend: Wenn ich etwas Neues lerne, wie z.B. das Kochen, dann trainiere ich damit mein gesamtes kognitives Talentkostüm. Etwas Neues zu lernen heißt Fortschritte zu machen. Und diese sind der beste Weg zu mehr Erfolg und Glück im privaten sowie beruflichen Leben. „In so gut wie jedem Fach ist es möglich, binnen sechs Monaten oder weniger Weltklasseniveau zu erreichen“, meint Timothy Ferriss.

Ferriss’ Gerichte sind nicht unbedingt elegant, neu oder auffallend lecker. Es sind eher der originelle Zugang und die Haltung hinter der Motivation zu kochen, die faszinieren und zu einem zweiten Blick verführen. Für die elegante und ebenso für den Anfänger geeignete Küche zum Selberkochen greife man wohl besser zu Elisabeth Raethers schlanken Wochenmarkt. Wahrscheinlich sind es die sympathische Geschichte eines Mannes, der auszog um das Kochen zu lernen, und die genussvolle Verbindung von kochen, lernen und gutem Leben, die das Buch zu einem lesenswerten Buch machen.

Und die Moral von der Geschicht? Ein Kochbuch ist nicht einfach nur ein Kochbuch nicht. Und man muss kein Koch sein, um ein Kochbuch zu schreiben. Aber kochen und essen ist eine Bedingung der Möglichkeit, um Glück zu erfahren. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man selten allein kocht. Da wären sie wieder, die drei Bedingungen für ein gesundes und erfülltes Leben: soziale Beziehungen, Bewegung und gesunde Ernährung. Wie schön und einfach doch alles sein könnte.

Vom Licht der Liebe in der Sinnfinsternis

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks http://www.nicolas-dierks.de/ #Wastueichhiereigentlich?

Hat unser Leben auch auf seiner Schattenseite Sinn? Und liegt es an uns, gegen alle Verzweiflung diesen Sinn zu erfinden? Oder können wir ihn nur dankbar empfangen? Philosoph Christoph Quarch legt mit Das große Ja ein inspirierendes Buch vor – und ein Plädoyer für die Entfaltung der Liebe zum Leben in allen seinen Schattierungen.

Quarch stützt sich auf einen Erfahrungsbericht Viktor Frankls. Selbst im Grauen von Ausschwitz fand Frankl psychischen Halt durch das innere Bild seiner geliebten Frau. Dieser Bericht ist unterschiedlich gedeutet worden. Andere betonen dabei das Element der Entscheidung: Ganz gleich, wie uns das Leben mitspielt – wir haben immer die Wahl unserer Einstellung dazu und das gibt uns einen unveräußerlichen Rest an Freiheit. Anders Quarch: Er akzentuiert stärker, dass Frankl unter grausamsten Bedingungen ein hoffnungsstiftendes Bild empfing, das ihn zu einer jubelnden Bejahung seines Lebens geführt habe.

Ob hier die eigene Wahl oder ein gnadenvolles Empfangen im Vordergrund steht, ist die grundlegende Thematik, an der Quarch seine Überlegungen entfaltet. Seine Diagnose lautet, dass wir heutige Menschen uns selbst überschätzen und deshalb verlernt hätten, für den Sinn des Lebens empfänglich zu sein. Damit richtet sich Quarch kritisch an das humanistische Selbstverständnis, das die menschliche Unabhängigkeit ins Zentrum rückte – und dabei vielleicht übertrieb. Sein Ziel ist, unter Rückbesinnung auf antike Philosophie und moderne Denker wie Nietzsche und Heidegger, verständlich zu machen, wie man dieses große Ja zum Leben empfängt.

Souverän führt Quarch den Leser durch das Programm des Buchs: Nach dem Aufriß der Frage und der Abgrenzung von anderen Antworten, breitet Quarch das Weltbild griechischer Philosophie und Mythologie aus, in dem zwei gegensätzliche Kräfte wirken – einerseits der lichtvolle Apollon, andererseits der berauschte Dionysos. Quarch entwickelt seine Deutung dieses Weltbilds als Empfehlung für die heutige Zeit und ergänzt es um die Gestalt der Aphrodite. Das Herz jederzeit für die Erfahrung zu öffnen, dass das Leben trotz seiner Widersprüche STIMMT, das ist Quarchs Botschaft.

Dabei schreibt Quarch flüssig und anschaulich, ohne mit Fachausdrücken zu kokettieren. Sympathisch wendet er sich gelegentlich an den Leser und lädt zu eigenen Gedankengängen ein. Einen erzählerischen Rahmen bilden fiktive Dialoge im Himmel zwischen dem allmächtigen Gott, Vertretern der griechischen Götterwelt und großen Philosophen. Diese Zwischenspiele lockern die Lektüre humorvoll auf, doch ohne abzuschweifen.

Quarch drängt den Leser zu keinem religiösen oder spirituellen Standpunkt. Er selbst favorisiert jedoch das Bild eines empfangenden Sinn-Erlebnisses und spart auch nicht mit Kritik an anderen Auffassungen. Man mag einwenden, dass einem Kant, Nietzsche oder auch Wilhelm Schmid in der dortigen Kürze nicht volle Gerechtigkeit wiederfahren könne. Aber Quarch lässt sich zugunsten von Prägnanz und Lesefluss nicht auf tiefere Diskussionen ein – und das im Sinne des Zielpublikums richtigerweise.

Am Ende werden dem Leser nicht vordergründige Quintessenzen oder fertigen Rezepte untergejubelt. Stattdessen eröffnet Quarch eine geradezu euphorische Perspektive auf die Vielfalt des Lebens. Nicht durch rückhaltlosen Aktionismus, so der abschließende Tenor, nicht in tiefer Meditation, sondern im erfüllten Miteinander werde der Sinn gefunden – ob der Blick der geliebten Person uns konkret begegnet oder ob er als inneres Bild in uns aufsteigt.

Nicht oft wage ich zu sagen, ein philosophisches Buch sei „inspirierend“. Aber hier werden nicht bloß weise Sentenzen in brillianten Formulierungen vorgetragen, sondern hier hat jemand etwas zu sagen. Weder verschanzt sich Quarch im sicheren Elfenbeinturm, noch beschränkt er sich darauf, gegen etwas zu sein – er plädiert klar für etwas.

Insgesamt eine kurzweilige Lektüre, abwechselungs- und geistreich. Das Buch folgt einer klaren Linie, fast möchte ich sagen: Dramatik. Quarch schwingt sich gegen Ende zu einem geradezu poetischen Weitblick empor, voller Sehnsucht nach dem großen Ja zum Leben, das für uns möglich wäre. Es ist insofern ein begeisterndes Buch – für denjenigen, der empfänglich dafür ist.

Quarch, Christoph 2014: Das große Ja. Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens, Goldmann Verlag

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks http://www.nicolas-dierks.de #Wastueichhiereigentlich?