Neue Generation mit Perspektivwechsel

Man kann die Geschichte der Philosophie als einen Jahrtausende andauernden Versuch bezeichnen, im Denken Orientierung zu finden. Und das ist bekanntermaßen gar nicht so leicht, denn es gibt Momente im Leben, in denen man aus sich selbst einfach nicht schlau wird.

Wer sich im Denken orientieren will, der möchte vor allem in der Welt Orientierung finden. Auch darin waren die Philosophen nicht immer gerade Meister, aber es ist ja bekannt, dass das, was jemand lehrt, nicht immer auch das ist, was er selbst am besten können muss.

Letztlich läuft jeder Orientierungsversuch im Denken auf eine Orientierung im Leben hinaus. Der bewusst denkende Mensch möchte sich in seiner Existenz erleben, seine Träume leben, seine Illusionen durchschauen und das Leben führen, das ihn erfüllt und glücklich macht. Es geht dabei um die alte Frage, wie wir unser Leben leben wollen. Um Selbsterkenntnis, die mit Peter Bieri gesprochen Quelle von Freiheit und damit von Glück ist.

Der Philosoph Nicolas Dierks unterscheidet daher zwischen einer Alltagsperspektive und einer Lebensperspektive. Während die Alltagsperspektive vor allem auf eine effiziente und handlungsorientierte Bewältigung des Alltags ausgerichtet ist, umfasst die Lebensperspektive das Ganze des Lebens, die Vision oder den höheren Sinn im individuellen Leben.

Richard David Precht war einer der ersten Philosophen am Beginn des 21. Jahrhunderts, der die Philosophie einem größeren Publikum, ja einer ganzen Masse deutscher Leser nahegebracht hat. Als Meister der Popularisierung und medialen Inszenierung ist er quasi der Prototyp für eine neue Generation junger Autoren, die die Philosophie wieder primär als Orientierung im Denken begreifen.

Was tue ich hier eigentlich? Warum es die Welt nicht gibt und Folge dem weißen Kaninchen sind drei Bücher, die jeweils auf hervorragende und überraschende Weise in die Philosophie einführen. Während Nicolas Dierks die individuelle Sinnsuche im Leben für ein größeres Publikum greifbar macht, haben Philipp Hübl und Markus Gabriel der Orientierung in der Welt einen innovativen und neuartigen Zugang gegeben. (In der Philosophie spricht man von Erkenntnistheorie)

Sie alle sind eine neue Generation philosophischer Autoren, die wie ganz selbstverständlich das Wissen aus Science-Fiction und TV-Serien in ihr Denken einbeziehen. Damit sind sie nicht nur multimediale Denker, sondern auch die ersten digital immigrants der philosophischen Szene.

Gemeinsam mit ihrem Prototypen Richard David Precht teilen sie ein neues Selbstbewusstsein: Sie wollen auf verständlichem Niveau und mit eigener Sprache und Meinung philosophieren, ohne die akademische Philosophie an der Universität dabei schlecht zu reden.

Wie Jim Holt in seiner Geschichte „Gibt es alles oder nichts?“ erkunden die Autoren unseren individuellen Platz im Universum, die endliche Existenz des Menschen. Orientierung im Denken bleibt aber blind, wenn es nicht zu einer Orientierung im Handeln führt. Daher kann bei aller Philosophie auch ein wenig Antifragilität nicht schaden. Nassim Nicholas Taleb, der sich als Schwarzer Schwan der Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten dabei wiederum auf zahlreiche Philosophen beruft, sei Dank…

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Arbeit, Angst, Kapital, Akademisierungswahn, 4-Stunden Woche, Mini-Ruhestand und Grundeinkommen für alle?

Arbeit macht süchtig! Arbeit macht krank! Du sollst nicht funktionieren! Ist Arbeiten eine Resonanzerfahrung oder einfach nur stupide Selbstentfremdung? Was früher an der instrumentellen Vernunft kritisiert wurde, scheint in unseren Tagen als Kritik an der Arbeit wiederzukehren. Work-Life-Balance heißt das neue Zauberwort, mit dem der verdinglichenden und krank machenden Arbeit der Kampf angesagt wird. Bereits in den Schulen treibt das Leistungsprinzip unsere Kinder in das Burnout, ganz zu schweigen von dem grundlegenden Missverständnis, dem unsere Kultur aufgesessen ist: dass exzellente Leistung auch Erfolg bedeutet.

Schlimmer könnte diese Nachricht nicht sein, die zu den Grundlagen einer Gesellschaft der Angst gehört. Denn nicht nur arbeiten wir uns zu Tode! In unserem Akademisierungswahn glauben wir auch noch daran, dass akademische Abschlüsse und die in Bildungseinrichtungen erbrachte Leistung uns zu zufriedenen und wohlhabenden Menschen macht. Dass Leistung und Arbeit kein Erfolgsgarant für Wohlstand und Reichtum sind, bestätigt auf gnadenlose Weise auch der Ökonom Thomas Piketty in seiner historischen Studie Das Kapital des 21. Jahrhunderts.

Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt sich nicht nur aus persönlichem Interesse am eigenen Glück und Geld. Denn darin sind sich die Forscher einig: Arbeit macht nicht nur unglücklich und krank, von ihr hängt ganz schlicht und einfach unser Glück ab. Daher formuliert Joachim Bauer diese eine entscheidende Frage, die sich wohl fast jeder stellt, so: Welchen Beitrag kann die Arbeit zu einem guten Leben leisten?

Das tolle und faszinierende an Bauers Buch Arbeit ist, dass er pointiert und souverän einen Überblick in die Gesamtthematik liefert. Ob aus neurowissenschaftlicher, medizinischer, psychologischer oder arbeitspolitischer Perspektive, in jedem Kapitel wird auf anschauliche Weise der aktuelle Stand der Diskussion zusammengefasst. Dabei regt der Autor mit seiner eigenen Meinung zur Auseinandersetzung mit der individuellen Arbeitssituation und Arbeitsweise an. Ob es die Unterscheidung zwischen breiter und fokussierter Aufmerksamkeit ist oder ob es um die Erkenntnis geht, dass schlechte Führung in Unternehmen zur Unzufriedenheit der Mitarbeiter beiträgt…nach der Lektüre wird man sich selbst und sein Unternehmen in einem neuen Licht erblicken.

Lösungen für eine bessere Work-Life-Balance gibt es wie Sand am Meer. Yoga, Pilates, gesunde Ernährung und Stressmanagement findet man meist an erster Stelle. Die Ratgeber- und Coachingszene hat sich hierfür ein riesiges Marktsegment erobert, das eine ebenso große Nachfrage erfährt. In der Müdigkeitsgesellschaft ist niemand geschützt vor der selbstzerstörerischen Selbstausbeutung. Man kann auch einfach die Trennung von Arbeit und Leben aufheben und sich zur intrinsischen Motivation und Liebe zur eigenen Berufung bekennen. Statt Work-Life-Balance heißt es dann Work-Life-Bullshit! Dahinter verbirgt sich ein wirklich anregender und fröhlicher Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Lamentieren über die Zumutung der Arbeit.

Ich persönlich finde die neueste Version des americam dream am besten: Bestseller-Autor Timothy Ferriss empfiehlt die 4-Stunden Woche als eleganten Ausweg aus dem Hamsterrad. Dabei sollte man diese Anleitung zum persönlichen Ponyhof nicht unterschätzen und als bloßen Kollektivtraum einer ausgebrannten Gesellschaft abtun. Mit teils realistischen Beispielen aus dem eigenen Leben und mit lesenswerten Tipps wird hier im Vorbeigehen einfach mal das Konzept des Ruhestands in Frage gestellt: Warum nimmt man nicht die üblichen 20-30 Jahre Ruhestand und teilt sie auf das ganze Leben auf, anstatt alles für das Ende aufzusparen?

Mit diesem gekonnten Auftakt in den Mini-Ruhestand lässt sich dann vielleicht auch die vielversprechendste Lösung für das Arbeitsproblem in Angriff nehmen: das Grundeinkommen für alle. In Berlin werden 12 Monate Grundeinkommen mittlerweile schon per Los vergeben. Viel Glück und toi toi toi…!

 

Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

Leider wird diese Rezension von neueren politischen Aktivitäten des Autors Peter Thiel überschattet, die dem Verfasser dieser Kritik zum Zeitpunkt des Schreibens nicht bekannt waren. So anregend das Buch auch ist, es ist aufgrund politischer Aussagen leider nicht mehr uneingeschränkt zu empfehlen. Gutes und innovatives Denken allein nützt eben noch nicht. In diesem Sinne ist der lobende Ton der Rezension unbedingt zu relativieren, die kritischen Fragen am Ende hingegen sind nun umso spannender:

„Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles oder Nichts. Es geht um vertikalen Fortschritt, in dem radikal Neues erfunden wird. Peter Thiel entwirft hier nichts anderes als ein Manifest für die Start-up-Mentalität des 21. Jahrhunderts.

Bereits in diesem Intro treffen Avantgarde, Fortschrittsglaube und poststrukturalistische Magie aufeinander. Neues entsteht nur dann, wenn der Fortschritt intensiv, wenn die Idee wirklich neuartig ist. Um keine billige Kopie zu sein, muss sie auf einer neuen Ebene stattfinden. Daher fasst Thiel vertikalen oder intensiven Fortschritt auch mit dem Begriff „Technologie“ zusammen. Eingebettet ist dieser Avantgardismus des Neuen in eine brillante historische Perspektive auf die 90er Jahre und ihre Krisen und Blasen. Die These ist klar formuliert: Seit der Dotcom-Blase hat sich in den Köpfen des Silicon Valley ein bestimmtes Denken festgesetzt, an dessen Grundfesten Thiel nun rüttelt. Die vier alten Lektionen aus der Krise sind:

1. Gehe in kleinen Schritten vor.
2. Bleibe schlank und flexibel.
3. Wachse an der Konkurrenz.
4. Produkte sind wichtiger als ihr Vertrieb.

Diesen falschen Wahrheiten in den Köpfen der Unternehmer setzt Thiel in überzeugender Querdenker-Manier folgende vier Thesen entgegen:

1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität.
2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner.
3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft.
4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.

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Auf den darauf folgenden 160 Seiten erläutert und entfaltet Thiel seine Argumentation dafür, warum die ersten vier Glaubenssätze falsch und seine vier Thesen richtig sind. Dabei entdeckt er nicht nur die Ursache des fehlerhaften Wirtschaftsdenkens in der Physik des 19. Jahrhunderts (die die Wirtschaftswissenschaften und Statistik maßgeblich beeinflusst hat), er entlarvt ganz nebenbei auch das Geheimnis der Monopole: „Wettbewerb und Kapitalismus sind ein Widerspruch.“ Die Wirtschaftswissenschaften gingen fälschlicherweise von einem perfekten Gleichgewichtszustand in der Konkurrenz aller Unternehmen gegen alle aus. Im Gleichgewicht kann aber kein Unternehmen seine Einzigartigkeit entfalten. Im Gleichgewicht stirbt jede Energie den Kältetod des Universums.

Pro: Sehr inspirierende Gedankengänge. Der Text sprüht nur so vor anregenden Erkenntnissen und visionären Thesen. Mit Zitaten von Nietzsche, aus Goethes Faust und Tolkiens Herr der Ringe überrascht der Autor immer wieder. Die Lektüre ist unterhaltsam, herausfordernd und produktiv-provokativ.

Contra: Der Ansatz ist teils schematisch, teils polemisch. Auch die grafischen Darstellungen und Schaubilder sind im Vergleich zu den glänzenden Gedankengängen zu schematisch und zu simpel gehalten. Die Grundthese, dass ein Monopol der Zustand eines jeden erfolgreichen Unternehmens ist, lässt sich nicht halten. Auch dass Monopole ihre Einzigartigkeit nur fern jedes Wettbewerbs entwickeln können, trifft, wenn überhaupt, nur auf wenige Unternehmen zu.

In dem Buch finden sich zahlreiche Highlights: So etwa das große Lob auf den Vertrieb und die Arbeit des Verkäufers, womit Thiel die Trennung zwischen Vertrieb und Entwicklung radikal in Frage stellt. Ein weiteres Highlight ist das Kapitel zu „Mensch und Maschine“ sowie zum „Gründerparadox“. Hier präsentiert Thiel ein amüsantes und faszinierendes Porträt von prominenten IT-Gründern und modernen Königen, von Richard Branson über Steve Jobs bis Elvis Presley, Britney Spears und Lady Gaga… womit das Prinzip des Monopols auch auf Menschen (Prominente) übertragbar wäre.

Ist Peter Thiel kreativer Querdenker oder elitärer Monopolist? Wie viel Transhumanismus steckt in seinem Beitrag zur Innovation und Rettung unserer Gesellschaft? Und wie viel ideologische Weltanschauung steckt in diesem Start-up-Manifest des Neuen und Einzigartigen? Peter Thiel ist schlau genug, keine starren Positionen einzunehmen. Sein Denken ist flexibel, mutig und thesenhaft. Es setzt an den richtigen Stellen an und entzieht sich dann wieder in die Unschärfe randloser Offenheit. Man bekommt den Eindruck, Thiel habe bei den Rhizomatikern Deleuze und Guattari eine Lektion in fließendem und formfreiem Denken erhalten, wenn er die Intensität zum höchsten Gut gesellschaftlicher Innovation erhebt. Bereits der Vorsokratiker Heraklit wusste ja, dass alles fließt.

Fazit: Zero to One ist mehr Denkübung als Anleitung, auch wenn es produktive Handlungs- und Denkempfehlungen bereitstellt. Dies macht das Buch einzigartig und absolut lesenswert. Es ist anregend und philosophisch im besten Sinne des Wortes: es regt zum Selbstdenken an und stellt gewohnte Denkmuster in Frage. Die Querdenker-Frage ist für jedermann empfehlenswert und anwendbar: ‚Welche Ihrer Überzeugungen würden nur wenige Menschen mit Ihnen teilen?'“ (vgl. die Relativierung aufgrund aktueller Ereignisse am Beginn des Blogbeitrags)

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Erleben macht glücklicher als Haben

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Als im Jahr 1992 das Buch ‚Erlebnisgesellschaft’ von Gerhard Schulze erscheint, besteht kein Zweifel mehr daran, dass Unterhaltung, Animation und Erlebnis zu Konsumgütern geworden sind, die sich auf hervorragende Weise vermarkten lassen. Heimliche und knappe Ressource in der Erlebnisgesellschaft sind Zeit, Aufmerksamkeit und die Qualität des Erlebten. Es reicht schon lange nicht mehr Dinge einfach nur zu tun, es muss schon ein gewisses Etwas, ein Erlebnisfaktor hinzukommen. Großstädte wie New York, London und Paris sind so sehr auf ihre Erlebnissphäre hin ausgerichtet, dass sie an manchen Stellen kaum noch von Disneyland zu unterscheiden sind.

Ein direktes Produkt dieser Gesellschaft ist die Generation Y, die in den fetten 80er und 90er Jahren aufgewachsen ist. Wenn für die Vertreter dieser verwöhnten Generation etwas klar ist, dann die Erkenntnis, dass sie es wahrscheinlich nicht besser haben werden als ihre Eltern. Da Reichtum, Wohlstand und materielle Stabilität der Eltern uneinholbar scheinen, verlieren auch die alten Statussymbole und Insignien der Macht an Bedeutung. Dieser Wertewandel findet, glaubt man Kerstin Bund, vor allem in der Arbeitswelt statt.

Statussymbole wie der Firmenwagen, die eigene Immobilie und der eigene Kleinwagen haben vielfach ausgedient. Die Generation Y strebt nach Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung. Das neue Zauberwort und Statussymbol heißt Autonomie. Mehr Freiheit in der Gestaltung von Beruf und individueller Freizeit. Für Kerstin Bund zählen folgende Werte für die neue Work-Life-Balance: mehr Freiheiten, gute Führung, bessere Vereinbarkeit, mehr Individualismus und richtige Belohnung.

Mit Glück schlägt Geld schreibt Kerstin Bund ein schonungsloses Generationenporträt, das auch vor Worten wie Selbstverwirklichung, Spaß und Individualismus keinen Halt macht. Echt absolut 90er, würde man spontan sagen, aber das Buch ist aus dem Jahr 2014. Im Jargon der Eigentlichkeit enthüllt es, was die Generation Y wirklich will: „Behütet aufgewachsen, gut vernetzt, selbstbewusst und anspruchsvoll. Das ist meine Generation, die nach 1980 Geborenen, die gerade hunderttausendfach die Arbeitswelt betreten und ihren Chefs genauso viel Aufmerksamkeit (wenigstens Blumen zum Geburtstag) und Anerkennung (ein Lob für die Extra-Arbeit) abverlangen wie ihren Eltern.“

Das ist vielleicht ein bisschen zu viel? Möglicherweise, ja. Auch die Autorin diskutiert zu ihrer These mehrere Perspektiven und bietet eine vielschichtige sowie differenzierte Lektüre. Damit entsteht ein Ratgeber der besonderen Art, denn gerade auf den letzten 50 Seiten stehen wertvolle Ratschläge und Handlungsempfehlungen für eine gelungene Transformation der Arbeitsweise. Nicht nur Flexibilisierung im Arbeiten, sondern auch im Denken ist am Ende Dreh- und Angelpunkt für eine gelungene Integration der anspruchsvollen Y-Bedürfnisse in den Unternehmen und Firmen. Mit zahlreichen Vorschlägen und Fallbeispielen wird das Buch zu einem lesenswerten und anregenden Ratgeber für ein flexibleres Arbeiten und Denken.

Mit der These, dass Glück wichtiger als Geld ist und Sinn wichtiger als Besitztum und Status, knüpft Kerstin Bund an ein Denken an, das hierzulande beispielsweise durch Erich Fromm populär geworden ist (Sein ist wichtiger als Haben). Allerdings ist es kaum vorstellbar (wenn auch wünschenswert!), dass mit dem Generationenporträt wirklich die Masse der Generation Y abgebildet sein kann. Die ZEIT-Redakteurin übersieht, dass Selbstbestimmung und Individualismus längst selbst zu akkumulierbaren Gütern und kapitalisierbaren Statussymbolen geworden  sind. Individualistischer Lebenswandel und Selbstbestimmung setzen ein hohes Maß an Erfolg und Prestige voraus.

Ein interessanter und wohltuender gesellschaftlicher Trend zur Flexibilisierung und Selbstbestimmung ist hiermit zwar angezeigt (Bund gibt auch zahlreiche Beispiele). Ob er sich allerdings auch mehrheitlich und branchenübergreifend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Nicht in allen großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen stehen das Sabbatical und flexible Arbeitszeiten auf der Tagesordnung.

Zuletzt lacht, wer das Chaos liebt

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks

Antifragilität sprüht Funken. Taleb schreibt wild und versiert, belesen und ironisch, selbstverliebt und angriffslustig. Manche halten ihn für arrogant und überheblich, manche für den derzeit interessantesten Denker des Planeten. Wozu soviel Aufregung und was bringt die Lektüre unterm Strich?

Der große Bruder von Der schwarze Schwan sei dieses Buch, so Taleb, und damit sein Hauptwerk. Mit 556 Seiten Text kommt Antifragilität (2013) schon optisch als opus magnum daher. Ich bin zwar kein Feind langer Bücher – aber zu lang gewordener. Wie fällt das Urteil hier aus?

Das Wort „Anleitung“ im Untertitel und die frische Aufmachung winken mit dem Zaunpfahl: „Entwarnung! Keine Überforderungsgefahr! Das ganze Drama der unübersichtlichen Welt genial gelöst.“ …und in der Tat ist dieses Buch zumindest gut zugänglich: flüssige Sätze, kurze Kapitel, ein Meer an Beispielen, vorsichtiger Gebrauch von Fachsprache.

Und auch für die Navigation im Buch ist einiges getan: Nach dem Inhaltsverzeichnis ein detaillierter Kapitelüberblick und hinten ein großer Anhang mit Glossar, Anmerkungen, Literatur und Register. Hier hat Taleb den Apparat eines Fachbuchs mit dem Stil eines Sachbuchs kombiniert.

Talebs Sprache ist (auch in der deutschen Übersetzung) voller Bilder und Emotionen, temporeich, mit bissigem Humor und Selbstironie. Hier freue ich mich über die feinfühlige Übersetzung von Susanne Held (die auch andere interessante Autoren übersetzt, wie zuletzt Douglas Hofstadter oder Laura Hillenbrand).

Der Aufbau des Buches ist also recht klar – aber innerhalb der Kapitel brodelt und schäumt es, dass es eine Freude ist. In einer Sekunde noch mit Statistik befasst, wechselt Taleb plötzlich zu Wirtschaft, Politik, Gesundheitsfragen, antiker Philosophie oder eigenen Anekdoten. Dabei erzählt er überraschend persönlich, so dass er – der immer wieder augenzwinkernde Pauschalurteile auf Banker, Wirtschaftswissenschaftler und „Fragilisten“ loslässt – selbst auch nur menschlich wirkt, sogar sympathisch. Kann man Taleb seine Eskapaden und Verleumdungen übel nehmen? Darin scheiden sich die Geister.

Antifragilität will gerade keine großangelegte „Anleitung“ sein – genau dieser Anspruch, die Zukunft zu kalkulieren und handhabbar erscheinen zu lassen, ist Taleb zuwider. Es geht ihm vielmehr darum, wie wichtig Fehler und Rückschläge, Zufall und Unordnung für unsere Entwicklung sind. Dieses Unbekannte habe die Moderne zu eliminieren versucht und schwäche uns dadurch immer mehr. Dabei brauchen wir Taleb zufolge kleine Fehler, um große Desaster zu vermeiden.

Komplizierten Erklärungsmodelle seien unnötig, um unsere komplexe Welt zu verstehen – eine Handvoll einfacher Heuristiken (Leitsätze) seien viel nützlicher. Bricolage, bzw. „Bastelei“ ist das Konzept, das Taleb favorisiert. Wir sollten nicht wie Touristen eine Pauschalreise des Lebens buchen, sondern uns wie „rationale Flaneure“ verhalten – also offen bleiben und uns inmitten des Stroms neuer Informationen stets aufs Neue fragen, ob wir unsere Route beibehalten oder nicht.

Und Stress sei gut! Wir sollten zwar chronische niedrige Stressoren vermeiden. Aber sporadische stärkere Stressoren lösen bei uns Wachstumsreize aus. Und des naiven Interventionismus sollten wir uns enthalten, denn der bringe mehr Schaden als Nutzen. Lernen und Entwicklung laufen besser nach Versuch und Irrtum ab, und in Medizin, Wirtschaft oder Politik solle man sich deshalb eher zurückhalten. Wir bräuchten keinen „großen Plan“ oder perfekte Prognosen. Stattdessen sollten wir die Anfälligkeit unserer Systeme für Zufälle überprüfen und dabei unser Verständnis nichtlinearer Effekte verbessern. Taleb hält also ein Plädoyer für das Machen, das Versuchen und Scheitern sowie für das Selbstvertrauen, dass Fehler und Stress die eigene Entwicklung befördern.

Vor 20 Jahren wäre Taleb vielleicht als „poststrukturalistischer“ Denker“ bezeichnet worden. Und tatsächlich gibt es manche Ähnlichkeit zu Lyotards „Ende der großen Erzählungen“ oder auch Deleuze‘ rauschaften Neologismen. Das Konzept der bricolage hatte übrigens schon Levi-Strauss in Das wilde Denken vorgestellt. Ähnlich wie diese ist Taleb skeptisch, was akademische Würden und die großen Entwürfe der Philosophie angeht.

Gleichzeitig ist Taleb aber ein Verfechter wissenschaftlicher Strenge und insofern keineswegs auf einer Linie etwa mit Paul Feyerabend (eher noch mit Nietzsche). Taleb bezweifelt nicht etwa die Grundlagen statistischer Verfahren, sondern die Art und Weise, wie sie heute verwendet werden.

Ganz klassisch wirkt Talebs Standpunkt jedoch, wenn er gegen Aristoteles und dessen angeblich weltfremden Intellektualismus wettert und sich stattdessen Thales, Seneca oder Sextus Empiricus anschließt. Immerhin sind die Denker der Stoa nicht nur seit Jahrhunderten Teil des westlichen Bildungskanons, sondern erfreuen sich bei gebildeten Laien ebenso großer Beliebtheit wie bei zeitgenössischen Philosophen (z. B. Julian Nida-Rümelin, Martha Nussbaum). Und plötzlich erscheint mir Talebs Grundbotschaft ganz konventionell: Theorie alleine bringt es nicht, praktische Erfahrung zählt, Wiederbesinnung auf unsere menschliche Natur.

Kein Wunder also, dass ich mich bei der Lektüre des Buches gelegentlich an Rousseau erinnert fühlte – die Zivilisationskritik, den Schaden, den die Wissenschaften im menschlichen Leben anrichten, die Entfremdung von unserer wahren Natur, das leere Bücherwissen, das Überspannen verschiedener Gebiete von den Wissenschaften bis zur Literatur, den Hang zur persönlichen Darstellung, die Forderung von Aufrichtigkeit und der Bewahrung der Natürlichkeit des menschlichen Körpers.

Viele Komponenten des Buches vermitteln die tiefe Affinität Talebs zu Rousseau – allerdings ohne dass Rousseau ein einziges Mal genannt würde (Kant oder Hegel übrigens auch nicht). Aber ein wichtiger Unterschied ist z. B., dass Rousseau Zeit seines Lebens ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Wissenschaft hatte, während Taleb nicht die Wissenschaft als Praxis kritisiert, sondern den „Verfall der wissenschaftlichen Sitten“. Taleb möchte also eher die Wissensgesellschaft durch eine Besinnung auf Formen praktischen Wissens und natürliche Arten der Wissensentwicklung reformieren.

Ist Taleb also überhaupt kontrovers? Wer würde dem nicht zustimmen, dass unsere Schulsysteme die Bildung fürs Leben manchmal sogar erschweren? Wer würde nicht zustimmen, dass im Wirtschaftsbereich nicht akademische Bildung, sondern erst die Praxis entscheidende Kompetenzen vermittelt? Wer würde nicht zustimmen, dass die Medizin (neben manchen Segnungen) auch grobe Verzerrungen an uns vorgenommen hat und es uns manchmal gut tun würde, zu einer Lebensform zu kommen, die eher jenen unserer Vorfahren ähnelt? (Nicht umsonst sind die Paleodiät, Barfußlaufen und Waldkindergärten im Trend). Mit seiner Einstellung trifft Taleb insofern den Zeitgeist vieler gebildeter Leser. Ist also nur noch Talebs Attitüde der Stein des Anstoßes?

Begeisterte Leser schreiben, Taleb hätte ihnen zu einer neuen Weltsicht verholfen. Wie kann es sein, dass ein Buch, das so dem populären Ton entspricht und vor allem offene Türen einrennt, angeblich die Weltsicht verändert?

Vielleicht liegt es daran, das Taleb durch sein Konzept der Antifragilität einen Weg gefunden hat, viele Lebensbereiche in einen Zusammenhang zu bringen – Weltverstehen, Finanzen, ethisches Verhalten, Gesundheit. Deshalb avisiert das Buch am Ende doch genau das, dessen Sinn und Möglichkeit Taleb abstreitet: Ein Panorama des Lebens unter dem Leitstern einer integrativen Idee.

Dass diese Idee eine Stufe höher liegt als viele andere „Glücks-Rezepte“ macht sie interessant – und überall demonstriert der Autor seine Glaubwürdigkeit durch seine sprachlichen Gesten: indem er sich nicht fügt, darauf pfeift, schonungslos entlarvt, alles bereits umgesetzt hat und es nicht nötig hat, sich zurückzuhalten. Und dieses rasante Leseerlebnis begleitet er mit seiner unverwechselbaren Stimme.

Nun gut, gegen Ende habe ich Seiten überflogen, denn die Pointe des Buches war mir nach der Hälfte hinreichend klar. Dabei scheinen mir Redundanzen durchaus zum Konzept zu gehören. Aber es war wie bei einem großartigen Gitarrensolo, dem man eine zeitlang fasziniert folgt, aber das sich dann in die Länge zieht – und irgendwann steigt man aus. Aus meiner Sicht hätte das Buch 100 bis 150 Seiten kürzer sein können.

Im Ganzen also eine spannende Lektüre, ein besonderes Buch, ein fundiertes Konzept, das sich gut diskutieren lässt, begeistert dargestellt von einem interessanten Intellektuellen (Taleb würde jetzt mit seiner Verachtung für diese Bezeichnung kokettieren). Fazit: Klare Leseempfehlung!

http://www.nicolas-dierks.de/

Überwachen und Strafen heute

Überwachen und Strafen heute Vor genau 40 Jahren veröffentlichte Michel Foucault Überwachen und Strafen, ein Buch, das Schockwellen in ganz verschiedene Disziplinen schickte und mit seiner genealogischen Analyse der disziplinären Machttechniken ein theoretisches Werkzeug anbot, das seither für vielfältige Zwecke verwendet wird. Daher soll nicht die Rezeption seines Buches, sondern die Fortführung von dessen Analyse im Zentrum der Tagung stehen: Wie überwachen und strafen wir heute? Gibt es entscheidende Brüche, Mutationen und evolutionäre Weiterentwicklungen der Disziplinarmacht? Wie müssen wir Disziplin heute konzeptualisieren, um beispielsweise den reformierten Sozialstaat oder das Finanzregime der Europäischen Union zu analysieren? Oder müssen wir neue Machttypen ausfindig machen?

Tagungsbesprechung „Foucault gibt es nicht im Singular“: http://www.agpolitischetheorie.de/wordpress/foucault-gibt-es-nicht-im-singular/#more-1194

 

Yes, we candividuum!

Verstehen wir uns selbst als Persönlichkeit oder Individuum? Fragen wir dafür lieber die Psychologie oder die Soziologie – was wären Sie gerne, und wenn ja, wie viele? Die Frage, wie viele ein Mensch ist, zielt auf die Individualität einer Person. Zusammenführen lässt sich das Ganze wahrscheinlich am besten in der Frage nach der Identität. Die ist aber nicht nur individuell, sondern auch zahlreich.

Wahrscheinlich sind wir mehr Griechen als wir uns bewusst sind. Nicht umsonst haben uns Adorno und Horkheimer die Geschichte von Odysseus als die des modernen Individuums erzählt. Die Dialektik der Aufklärung ist eine Dialektik des Individuellen, die sich gegen das Individuum richtet. Die politische, ökonomische und warenästhetische Vereinnahmung des Individuums ist allgegenwärtig. Auch das moderne Individuum kämpft gegen die Mächte seines Schicksals. Aufklärung wird zur Diktatur, Kultur zur Industrie. So weit, so gut der kultige Sound der Frankfurter Schule.

Aber was genau macht uns individuell? Ist das Individuum authentisch, charismatisch, einzigartig, unteilbar? Das zumindest legt das griechische Wort atomos (das Unteilbare) nahe, aus dem der Begriff Individuum entstanden ist. Das Individuelle wird auch gerne als das Eigene bezeichnet. Doch scheinen wir hier einem Mythos auf den Leim zu gehen: dem Mythos vom individuellen Kern.

Der Philosoph Daniel Dennett hat die Suche nach dem Selbst so beschrieben: „Man betritt das Gehirn durch das Auge, läuft den optischen Nerv bergauf, geht dann im Cortex herum und schaut hinter jedes Neuron, und dann, bevor man es sich versieht, erreicht man auf dem Spike eines motorischen Nervenimpulses wieder das Tageslicht, kratzt sich am Kopf und wundert sich, wo das Selbst ist.“

Mythen sind aber ja die Wahrheiten von früher, nur ohne wissenschaftliche oder empirische Beweisführung. Und daher muss auch jeder Mythos einen wahren Kern haben. Das lässt sich besonders an dem Philosophen Michel Foucault zeigen. Wenn das Individuum schon keinen wahren Kern hat, so doch wenigstens die Geschichte vom Individuum – die wir uns im übrigen beinahe täglich selbst erzählen.

Foucault spricht von neuen Individualitäten an der Schwelle der Moderne. Damit meint er nicht nur das Disziplinarsubjekt, das im 19. Jahrhundert geboren wird. Er meint vor allem die Tatsache, dass die Humanwissenschaften in die Gesellschaft eindringen und fast alle Bereiche des Wissens und der Technik erobern. Das verändert die Art und Weise, wie wir das Individuum bewerten.

Das Werk Überwachen & Strafen haut in dieselbe Kerbe wie die Dialektik der Aufklärung, kommt aber zu einem anderen Ergebnis. Das Individuum ist nicht nur eine vorm Aussterben bedrohte Spezies. Es ist getötet worden und überlebt als wichtigste Idee der Freiheit. Das Individuum ist Ermordeter und Angeklagter. Als Disziplinarsubjekt wird es angeklagt und sitzt seine Strafe im Gefängnis ab. Überwachen und Strafen liest sich wie ein Kriminalroman. Am Anfang steht der Mord am Individuum. Die Macht ist überall. Sie besetzt den Körper und normiert jede Vorstellung von Individualität.

Der Mord am Individuum ist aber nur die Aufwertung des einzigartigen Werts des Individuellen. Es ist zwar gerade nicht unteilbar, aber dafür unersetzbar. Hat man erst einmal verstanden, dass die eigene Individualität nur über Bewertungen entsteht, ist der Weg zur gekränkten Gesellschaft nicht weit, da das Leiden an Entwertung und das Glück durch Anerkennung so zusammen gehören wie das Eiweiß zum Eigelb.

Eigelb und Eiweiß sind vielleicht ein gar nicht so schlechtes Bild für das Individuum. Individuum sein heißt nicht nur plural sein, es bedeutet getrennt sein. Ein Individuum, egal wie viele es ist, kann nicht mehr mit einem anderen Individuum verschmelzen. So wie Eigelb und Eiweiß, auch im Rührei, niemals eine einzige und unteilbare Substanz bilden werden.

Wer seine eigene Individualität verstehen will, hat gute Chancen, wenn er sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Sei nicht authentisch!, rät uns der Business Coach Stefan Wachtel. Individuell zu sein ist wohl für denjenigen am ehesten Realität, dem seine eigene Individualität egal ist. Dem nichtauthentischen Individuum geht es um den individuellen Eindruck, nicht um das individuelle Sein. Es weiß um die Illusion seiner Authentizität.

So ist der Wille zur authentischen Individualität wahrscheinlich das größte Hindernis auf dem Weg zu eigener Individualität. Und dann, wenn nichts mehr hilft, gibt es nur noch ein Heilmittel: Lernen, jeden Tag auf’s Neue. „Die Guten sind deshalb oben, weil sie jeden Tag lernen.“, sagt Dr. Stefan Wachtel.

Fazit: Die gekränkte Gesellschaft von Barbara Strohschein und Sei nicht authentisch! von Stefan Wachtel sind zwei sehr unterschiedliche und gute Einführungen in die Frage nach der eigenen Individualität. Die Dialektik der Aufklärung und Überwachen & Strafen ist wirklich nur für fortgeschrittene Individualisten, die auf anregende Weise erleben wollen, wie sehr gerade das 20. Jahrhundert vom Mythos der Individualität getragen wird.