Erleben macht glücklicher als Haben

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Als im Jahr 1992 das Buch ‚Erlebnisgesellschaft’ von Gerhard Schulze erscheint, besteht kein Zweifel mehr daran, dass Unterhaltung, Animation und Erlebnis zu Konsumgütern geworden sind, die sich auf hervorragende Weise vermarkten lassen. Heimliche und knappe Ressource in der Erlebnisgesellschaft sind Zeit, Aufmerksamkeit und die Qualität des Erlebten. Es reicht schon lange nicht mehr Dinge einfach nur zu tun, es muss schon ein gewisses Etwas, ein Erlebnisfaktor hinzukommen. Großstädte wie New York, London und Paris sind so sehr auf ihre Erlebnissphäre hin ausgerichtet, dass sie an manchen Stellen kaum noch von Disneyland zu unterscheiden sind.

Ein direktes Produkt dieser Gesellschaft ist die Generation Y, die in den fetten 80er und 90er Jahren aufgewachsen ist. Wenn für die Vertreter dieser verwöhnten Generation etwas klar ist, dann die Erkenntnis, dass sie es wahrscheinlich nicht besser haben werden als ihre Eltern. Da Reichtum, Wohlstand und materielle Stabilität der Eltern uneinholbar scheinen, verlieren auch die alten Statussymbole und Insignien der Macht an Bedeutung. Dieser Wertewandel findet, glaubt man Kerstin Bund, vor allem in der Arbeitswelt statt.

Statussymbole wie der Firmenwagen, die eigene Immobilie und der eigene Kleinwagen haben vielfach ausgedient. Die Generation Y strebt nach Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung. Das neue Zauberwort und Statussymbol heißt Autonomie. Mehr Freiheit in der Gestaltung von Beruf und individueller Freizeit. Für Kerstin Bund zählen folgende Werte für die neue Work-Life-Balance: mehr Freiheiten, gute Führung, bessere Vereinbarkeit, mehr Individualismus und richtige Belohnung.

Mit Glück schlägt Geld schreibt Kerstin Bund ein schonungsloses Generationenporträt, das auch vor Worten wie Selbstverwirklichung, Spaß und Individualismus keinen Halt macht. Echt absolut 90er, würde man spontan sagen, aber das Buch ist aus dem Jahr 2014. Im Jargon der Eigentlichkeit enthüllt es, was die Generation Y wirklich will: „Behütet aufgewachsen, gut vernetzt, selbstbewusst und anspruchsvoll. Das ist meine Generation, die nach 1980 Geborenen, die gerade hunderttausendfach die Arbeitswelt betreten und ihren Chefs genauso viel Aufmerksamkeit (wenigstens Blumen zum Geburtstag) und Anerkennung (ein Lob für die Extra-Arbeit) abverlangen wie ihren Eltern.“

Das ist vielleicht ein bisschen zu viel? Möglicherweise, ja. Auch die Autorin diskutiert zu ihrer These mehrere Perspektiven und bietet eine vielschichtige sowie differenzierte Lektüre. Damit entsteht ein Ratgeber der besonderen Art, denn gerade auf den letzten 50 Seiten stehen wertvolle Ratschläge und Handlungsempfehlungen für eine gelungene Transformation der Arbeitsweise. Nicht nur Flexibilisierung im Arbeiten, sondern auch im Denken ist am Ende Dreh- und Angelpunkt für eine gelungene Integration der anspruchsvollen Y-Bedürfnisse in den Unternehmen und Firmen. Mit zahlreichen Vorschlägen und Fallbeispielen wird das Buch zu einem lesenswerten und anregenden Ratgeber für ein flexibleres Arbeiten und Denken.

Mit der These, dass Glück wichtiger als Geld ist und Sinn wichtiger als Besitztum und Status, knüpft Kerstin Bund an ein Denken an, das hierzulande beispielsweise durch Erich Fromm populär geworden ist (Sein ist wichtiger als Haben). Allerdings ist es kaum vorstellbar (wenn auch wünschenswert!), dass mit dem Generationenporträt wirklich die Masse der Generation Y abgebildet sein kann. Die ZEIT-Redakteurin übersieht, dass Selbstbestimmung und Individualismus längst selbst zu akkumulierbaren Gütern und kapitalisierbaren Statussymbolen geworden  sind. Individualistischer Lebenswandel und Selbstbestimmung setzen ein hohes Maß an Erfolg und Prestige voraus.

Ein interessanter und wohltuender gesellschaftlicher Trend zur Flexibilisierung und Selbstbestimmung ist hiermit zwar angezeigt (Bund gibt auch zahlreiche Beispiele). Ob er sich allerdings auch mehrheitlich und branchenübergreifend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Nicht in allen großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen stehen das Sabbatical und flexible Arbeitszeiten auf der Tagesordnung.

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