Wie arbeiten, altern und sterben wir in Zukunft? Über Helmut Schmidt, Europa und Feminismus

Wenn Helmut Schmidt mit einer Aussage zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit bei Facebook über 3400 Likes, 2700 Kommentare und beinahe 800 Shares erhält, dann liegt das daran, dass er zweifellos zwei der brennendsten Themen in Europa berührt hat.

Wie wollen wir in Zukunft in Europa leben und arbeiten? Wie stark wird der Europäer über seine Arbeits- und Lebenszeit – und damit auch über sein Sterben – in Zukunft entscheiden können?

In den letzten Jahren wird niemand an den äußerst optimistischen Thesen von Jeremy Rifkin zur Zukunft der Arbeit vorbeigekommen sein. Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass der Niedergang des Kapitalismus den Beginn einer sozialen Gemeinschaft bedeutet, wie zuletzt im Campus-Bestseller Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft nachzulesen war.

Zum Sterben gibt es nicht weniger optimistische Nachrichten. Stellen doch die meisten Religionen dieser Welt eine Perspektive nach dem Tod in Aussicht, die zumindest Anlass zu Hoffnung gibt. Viel entscheidender ist allerdings die Frage, inwieweit ich als Person über meinen eigenen Tod verfügen kann.

Wie wollen wir sterben?, fragt Michael de Ridder. Selbstbestimmt, antwortet Gian Domenico Borasio. Der französische Intellektuelle André Gorz hat aus dem gemeinsamen Freitod mit seiner Frau gar die Geschichte einer Liebe gemacht.

Die Frage, wie wir altern wollen, ist mindestens so brennend wie die Frage nach dem Sterben. Nicht zuletzt, weil sie viel mehr im Leben stattfindet als der Tod. Über das Alter hat Simone de Beauvoir ein einzigartiges Gedankenkunstwerk verfasst. Die Frage, ob man auch im hohen Alter noch einmal so richtig durchstarten kann, beantwortet Eveline Hall mit ihrem bemerkenswerten Lebenskunstwerk, die mit beinahe 70 Jahren ihr erstes Album auf den Markt bringen wird. Und das unabhängig davon, ob das neue Projekt nun die Sensation des Jahres wird oder nicht. Erfolg ist eben heute emanzipiert.

Damit wären wir auf subtilen Umwegen beim brennendsten Thema in Europa angekommen: die Frau. Angela Merkel, Caroline Emcke, Yasmina Reza, Miriam Meckel, Judith Butler, Ursula von der Leyen, Alice Schwarzer, Anne Will, Susanne Baer, Senta Berger… die Liste starker und emanzipierter Frauen ist lang. Keine andere Gesellschaft kämpft so sehr für ihre Frauen wie die europäische, sei es in Führungspositionen oder für mehr Relevanz in der Öffentlichkeit.

Die Emanzipation Europas ist auch eine Geschichte des Feminismus. Und auch wenn man den nicht mögen muss, so trifft er doch einen Nerv unserer Zeit, wie Mara Delius auf originelle und entwaffnende Weise zeigt. Gegenwind  bekommt sie von einer anderen Frau, Sibylle Berg. Allerdings ist auch dies wahrscheinlich nur Ausdruck einer gesunden Debatte.

Selbstverständlich könnte man in guter sozialhistorischer Manier an den politischen Techniken, mit denen eine Gesellschaft ihren ökonomischen und politischen Problemen begegnet, ihren Allgemeinzustand ablesen und erkennen, wohin sie sich entwickelt. Es sind aber nicht nur der Euro und die europäische Union, die über die Zukunft Europas entscheiden.

Es sind die letzten und ersten Fragen einer Gesellschaft, die eine entscheidende Auskunft über den Aggregatszustand und die Überlebensfähigkeit eines vereinten Europas geben. So auch die Frage nach der Frau in der Gesellschaft. Bereits im alten Rom galten die Vestalinnen, eine besondere Gruppe weiblicher Priesterinnen, als Symbole für die Kontinuität der res publica.

Und wie in der römischen Antike lassen sich auch heute Auf- und Abstieg einer Hochkultur am Status der Frau ablesen. Nur mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie in der europäischen Kultur nicht außerhalb der Gesellschaft steht, sondern mittendrin, in Lebensalltag, Arbeitswelt und Gesellschaft.

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Eine neue Generation mit Perspektivwechsel

Man kann die Geschichte der Philosophie als einen Jahrtausende andauernden Versuch bezeichnen, im Denken Orientierung zu finden. Und das ist bekanntermaßen gar nicht so leicht, denn es gibt Momente im Leben, in denen man aus sich selbst einfach nicht schlau wird.

Wer sich im Denken orientieren will, der möchte vor allem in der Welt Orientierung finden. Auch darin waren die Philosophen nicht immer gerade Meister, aber es ist ja bekannt, dass das, was jemand lehrt, nicht immer auch das ist, was er selbst am besten können muss.

Letztlich läuft jeder Orientierungsversuch im Denken auf eine Orientierung im Leben hinaus. Der bewusst denkende Mensch möchte sich in seiner Existenz erleben, seine Träume leben, seine Illusionen durchschauen und das Leben führen, das ihn erfüllt und glücklich macht. Es geht dabei um die alte Frage, wie wir unser Leben leben wollen. Um Selbsterkenntnis, die mit Peter Bieri gesprochen Quelle von Freiheit und damit von Glück ist.

Der Philosoph Nicolas Dierks unterscheidet daher zwischen einer Alltagsperspektive und einer Lebensperspektive. Während die Alltagsperspektive vor allem auf eine effiziente und handlungsorientierte Bewältigung des Alltags ausgerichtet ist, umfasst die Lebensperspektive das Ganze des Lebens, die Vision oder den höheren Sinn im individuellen Leben.

Richard David Precht war einer der ersten Philosophen am Beginn des 21. Jahrhunderts, der die Philosophie einem größeren Publikum, ja einer ganzen Masse deutscher Leser nahegebracht hat. Als Meister der Popularisierung und medialen Inszenierung ist er quasi der Prototyp für eine neue Generation junger Autoren, die die Philosophie wieder primär als Orientierung im Denken begreifen.

Was tue ich hier eigentlich? Warum es die Welt nicht gibt und Folge dem weißen Kaninchen sind drei Bücher, die jeweils auf hervorragende und überraschende Weise in die Philosophie einführen. Während Nicolas Dierks die individuelle Sinnsuche im Leben für ein größeres Publikum greifbar macht, haben Philipp Hübl und Markus Gabriel der Orientierung in der Welt einen innovativen und neuartigen Zugang gegeben. (In der Philosophie spricht man von Erkenntnistheorie)

Sie alle sind eine neue Generation philosophischer Autoren, die wie ganz selbstverständlich das Wissen aus Science-Fiction und TV-Serien in ihr Denken einbeziehen. Damit sind sie nicht nur multimediale Denker, sondern auch die ersten digital immigrants der philosophischen Szene.

Gemeinsam mit ihrem Prototypen Richard David Precht teilen sie ein neues Selbstbewusstsein: Sie wollen auf verständlichem Niveau und mit eigener Sprache und Meinung philosophieren, ohne die akademische Philosophie an der Universität dabei schlecht zu reden.

Wie Jim Holt in seiner Geschichte „Gibt es alles oder nichts?“ erkunden die Autoren unseren individuellen Platz im Universum, die endliche Existenz des Menschen. Orientierung im Denken bleibt aber blind, wenn es nicht zu einer Orientierung im Handeln führt. Daher kann bei aller Philosophie auch ein wenig Antifragilität nicht schaden. Nassim Nicholas Taleb, der sich als Schwarzer Schwan der Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten dabei wiederum auf zahlreiche Philosophen beruft, sei Dank…

Über das Finden und Bilden der eigenen Stimme

Wie wollen wir leben? Peter Bieri – eine Gastrezension von Ina Schmidt http://www.denkraeume.net/

„Wie wollen wir leben?“  ist eine Frage, die wohl kaum allgemeiner gestellt werden könnte und mit der wir alle etwas anfangen können. Wer nun aber glaubt, Peter Bieri würde darauf eine angenehme und leicht praktikable Antwort geben, der hat sich getäuscht – zu unser aller Glück. Sein Buch ist weniger eine Antwort, als der wohltuende Versuch einer Annäherung. Wie es Philosophen so tun, stellt Bieri auch gleich drei weitere Fragen: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Warum ist Selbsterkenntnis wichtig? Und: Wie entsteht kulturelle Identität? Diese drei Fragen begleiten die sehr persönliche Annäherung Bieris an das, was ein Leben ausmachen sollte, das wir leben wollen.

Das Besondere dem Buch liegt in der persönlichen Haltung, die zwischen den Zeilen mitzulesen ist. Sie überzeugt durch eine leise, und dennoch unverhandelbare Ernsthaftigkeit, mit der Bieri die eigene Unvollkommenheit jedes philosophischen Denkversuchs in die Frage nach dem guten Leben zu integrieren versucht. Dabei verlässt er nie den Pfad des strengen Denkens, das gute Gründe und klare Kriterien braucht, selbst es wenn es um das narrative Element der Selbstbestimmung, um die Geschichten, die wir uns unsere Erinnerungen erzählen und die Problematik der ständigen Selbstmanipulation geht. Um aber wirklich hinhören und betrachten zu können, fordert Bieri am Ende der ersten Vorlesung eine neue Form der Kultur: „Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, seine eigene Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen als das, alles andere müsste warten.“ Aber schon im nächsten Satz räumt er bescheiden und vielleicht mit einem gesunden Blick auf die Realität ein: „Unnötig zu sagen: Die Utopie eines Phantasten, eine phantastische Utopie.“

Dennoch hält Bieri auch in der zweiten Vorlesung am Versuch der Selbsterkenntnis fest und bleibt zum Glück bei der philosophischen Überzeugung, dass wir um uns wissen müssen, damit wir überhaupt handlungsfähig sind: „Wir können keinen Schritt tun, ohne zu wissen warum. Wenn wir den Grund vergessen haben, bleiben wir stehen. Erst wenn wir wieder wissen, was wir wollten, gehen wir weiter.“ Und dann kann Selbsterkenntnis zu dem werden, was Peter Bieri ihr trotz aller Widrigkeiten zuschreibt, „die „Quelle von Freiheit und damit von Glück“. Damit ist aber etwas anderes gemeint, als das, was wir derzeit in der großen Flut an „Glücksliteratur“ finden, in denen wir nur wenige Schritte tun müssen und meist ohne die Anstrengung wahrhafter Selbsterkenntnis auskommen sollen.

Das Glück liegt für Bieri gerade darin, eine „Übersicht über sich“ zu besitzen, egal ob uns das, was wir da sehen, immer gefällt und zu unserer Idee eines „glücklichen“ Lebens passt. Diese Übersicht gewinnen wir immer im Rahmen einer kulturellen Identität, „das komplexe Gewebe von bedeutungsvollen, sinnstiftenden Aktivitäten, das wir Kultur nennen“. Auf sehr schöne Weise und fernab von den gegenwärtigen Reformdebatten bringt er hier den zentralsten Begriff des Buches ins Spiel: Bildung. Bildung bedeutet für ihn die „wache , kenntnisreiche und kritische Aneignung von Kultur“ und begründet im Idealfall das Suchen und Finden einer eigenen Stimme. Kulturelle Identität als Ergebnis von persönlicher Bildung geht bei Peter Bieri also weit über gelehriges Bildungsbürgertum hinaus, sie hat zum Ziel, sich in den Ausdrucksformen der eigenen Kultur bewegen zu lernen und Beziehungen einzugehen, das Gesehene wirklich zu verinnerlichen und sich nicht auf das Wiederaufbereiten von Informationen zu beschränken.

Ohne in kulturpessimistische oder zynische Töne zu verfallen, konzentriert sich Bieri auf das, was ihm im wahrsten Sinne am Herzen liegt, die Potentiale einer solchen Bildung, die wir nur dann entfalten können, wenn wir uns auf wirkliche kulturelle Beziehungen einlassen, sie zu unserer Angelegenheit machen. Auch wenn hin und wieder ein wenig Kritik an den bestehenden „Denkapparaten“ nicht geschadet hätte, so liegt in Bieris Buch ein engagierter Appell, seine Idee der Bildung als persönliche Aufgabe ernst zu nehmen, und zwar schon im Moment des Lesens: „Sich bilden – das ist wie aufwachen“, sich selbst immer wieder aufs Neue zum Problem zu werden und durch die innere Bildung einen Weg zu suchen auf die damit verbundenen Fragen zu antworten – das ist der Ausgangspunkt, um die Frage nach dem guten Leben überhaupt in den Blick zu bekommen.

Dieses anspruchsvolle Vorhaben, das das Buch „Wie wollen wir leben?“ am Ende formuliert, ist alles andere als die Utopie eines Phantasten, sondern eine Notwendigkeit, die Bieri auf sehr leise und persönliche Weise anmahnt, ohne dabei in einen dozierenden Ton zu verfallen. Manchmal könnte diese Mahnung ruhig ein wenig lauter ausfallen, aber ebendiese Rolle eines Mahners, der weiß, wie es geht, lehnt Peter Bieri ab, ohne es zu sagen. Und vielleicht macht gerade das sein Buch so wertvoll, weil es zeigt, dass er sich im Schreiben und Sprechen dem eigenen Vorhaben stellt und damit immer in Augenhöhe mit seinen Lesern und Zuhörern bleibt, was nicht allzu oft vorkommt in der Welt philosophischer Gelehrigkeit. Ein wunderbares Buch, das kaum als Ratgeber, aber dafür als ständiger Begleiter taugt, um sich auf den Weg zu sich selbst zu machen.

Wie wollen wir leben? Peter Bieri – eine Gastrezension von Ina Schmidt http://www.denkraeume.net/

Müdigkeitseffekte des Denkens

Macht Denken traurig? Oder regt tägliches Denken die Glückshormone an? Für beide Thesen gibt es Anlass, dass daran etwas Wahres sein könnte. Denken ist nicht emotionslos, es ist emotional gefärbt und kann einen in unterschiedlichste Stimmungen versetzen.

Fakt ist, dass das Gehirn kein Muskel ist, den man wie seinen Bizeps trainieren kann. Ebenso wahr ist aber auch, dass es so etwas wie einen Muskelkater im Gehirn gibt. Wer zu viel denkt, gerät schnell ins Grübeln und wird im wahrsten Sinne des Wortes nachdenklich.

Dass Denken auch müde machen kann, zeigt zum Beispiel der Philosoph Byung-Chul Han. Der Hochleistungsdenker und produktive Schriftsteller hat sich dafür auch gleich den passenden Namen einfallen lassen: die Müdigkeitsgesellschaft.

In der Müdigkeitsgesellschaft ist die Disziplinargesellschaft zu einer radikalen Leistungsgesellschaft geworden. Hier werden die Menschen nicht mehr durch Zwangsmechanismen von außen zur Disziplin gebracht, sie disziplinieren sich in aller Freiwilligkeit ganz von selbst und frönen damit einer neuen Kultur der Selbstausbeutung.

Müdigkeitseffekte zeigt das Denken immer dann, wenn es zur alternativlosen Kulturkritik wird. Ob Slavoj Žižeks Generalangriff auf die liberale Demokratie oder Peter Sloterdijks Verurteilung der traditionsbrüchigen Kinder der Neuzeit, radikale Systemkritik war schon länger nicht mehr so en vogue wie in diesen Zeiten.

Bei so viel Kapitalismuskritik lässt der Souveränitätseffekt nicht lange auf sich warten. Die müden Denker stecken unter einer Decke mit der Sache, die sie kritisieren: die Übermacht des Kapitals und die moralische Unterlegenheit der liberalen Demokratie können nur diejenigen anprangern, die selbst daran glauben.

Was Žižek, Sloterdijk, Han und Vogl in ihren meisterhaften Zeitdiagnosen vereint: Sie alle machen darauf aufmerksam, dass die westlichen Länder selbst Schuld an ihrer Misere tragen. Egal, ob im Kampf gegen Finanzkapitalismus, Islamismus, Digitalisierung oder globale Ressourcenverschwendung.

Und wer könnte da anderer Meinung sein, denn global gesehen kann die Menschheit diesen Kampf nur verlieren. Aber brauchen wir für diese Erkenntnis Tausende Seiten philosophischer Reflexionen, die am Ende nichts Neues bringen, außer die wortgewandte Problematisierung von Problemen, deren Ausweglosigkeit wir ohnehin schon kennen? Wo bleibt da der Mehrwert der klugen Meisterdenker für den Leser, der nicht schon wieder dem nächsten großen Untergangsepos zusehen möchte?

Man muss ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen und Panik verbreiten, die letztlich immer teurer ist als ihr gesellschaftlicher Gewinn. Auch nicht dann, wenn man es wie Žižek und Sloterdijk auf virtuose Weise tut. Genauso unwahrscheinlich ist es, der Menschheit ein antifragiles Wesen attestieren zu können – allerdings wäre dies eine höchstinteressante These im allgemein angestimmten Untergangs- und Katastrophengesang.

Wer zur Befreiung aus Gefangenschaft, Unterdrückung und Systemzwang aufruft, muss diese selbst erst einmal mit seinen philosophischen Praktiken verhängt haben. Und wer zu viel Inhalt in eine kulturkritische Form gießt, der läuft Gefahr zur bloßen Pose eines übermüdeten Denkens zu werden.

Bei so viel Müdigkeit und Alarmbereitschaft kann der Blick für Aktualität und Zukunft nur getrübt werden. Ein Denken ohne Anbindung an die Gegenwart und ohne mögliche Zukunftswelten ist jedoch kein Denken mehr. Es ist ein leidenschaftliches Rechnen und unterhaltsames Kalkül mit dem Zauber des Unvorhersehbaren.

Die großen Mahn- und Meisterwerke unserer Zeit als Effekte von Müdigkeit, Unterhaltungstrieb und Panik?

Souveränität im Denken klingt anders.