Vom Licht der Liebe in der Sinnfinsternis

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks http://www.nicolas-dierks.de/ #Wastueichhiereigentlich?

Hat unser Leben auch auf seiner Schattenseite Sinn? Und liegt es an uns, gegen alle Verzweiflung diesen Sinn zu erfinden? Oder können wir ihn nur dankbar empfangen? Philosoph Christoph Quarch legt mit Das große Ja ein inspirierendes Buch vor – und ein Plädoyer für die Entfaltung der Liebe zum Leben in allen seinen Schattierungen.

Quarch stützt sich auf einen Erfahrungsbericht Viktor Frankls. Selbst im Grauen von Ausschwitz fand Frankl psychischen Halt durch das innere Bild seiner geliebten Frau. Dieser Bericht ist unterschiedlich gedeutet worden. Andere betonen dabei das Element der Entscheidung: Ganz gleich, wie uns das Leben mitspielt – wir haben immer die Wahl unserer Einstellung dazu und das gibt uns einen unveräußerlichen Rest an Freiheit. Anders Quarch: Er akzentuiert stärker, dass Frankl unter grausamsten Bedingungen ein hoffnungsstiftendes Bild empfing, das ihn zu einer jubelnden Bejahung seines Lebens geführt habe.

Ob hier die eigene Wahl oder ein gnadenvolles Empfangen im Vordergrund steht, ist die grundlegende Thematik, an der Quarch seine Überlegungen entfaltet. Seine Diagnose lautet, dass wir heutige Menschen uns selbst überschätzen und deshalb verlernt hätten, für den Sinn des Lebens empfänglich zu sein. Damit richtet sich Quarch kritisch an das humanistische Selbstverständnis, das die menschliche Unabhängigkeit ins Zentrum rückte – und dabei vielleicht übertrieb. Sein Ziel ist, unter Rückbesinnung auf antike Philosophie und moderne Denker wie Nietzsche und Heidegger, verständlich zu machen, wie man dieses große Ja zum Leben empfängt.

Souverän führt Quarch den Leser durch das Programm des Buchs: Nach dem Aufriß der Frage und der Abgrenzung von anderen Antworten, breitet Quarch das Weltbild griechischer Philosophie und Mythologie aus, in dem zwei gegensätzliche Kräfte wirken – einerseits der lichtvolle Apollon, andererseits der berauschte Dionysos. Quarch entwickelt seine Deutung dieses Weltbilds als Empfehlung für die heutige Zeit und ergänzt es um die Gestalt der Aphrodite. Das Herz jederzeit für die Erfahrung zu öffnen, dass das Leben trotz seiner Widersprüche STIMMT, das ist Quarchs Botschaft.

Dabei schreibt Quarch flüssig und anschaulich, ohne mit Fachausdrücken zu kokettieren. Sympathisch wendet er sich gelegentlich an den Leser und lädt zu eigenen Gedankengängen ein. Einen erzählerischen Rahmen bilden fiktive Dialoge im Himmel zwischen dem allmächtigen Gott, Vertretern der griechischen Götterwelt und großen Philosophen. Diese Zwischenspiele lockern die Lektüre humorvoll auf, doch ohne abzuschweifen.

Quarch drängt den Leser zu keinem religiösen oder spirituellen Standpunkt. Er selbst favorisiert jedoch das Bild eines empfangenden Sinn-Erlebnisses und spart auch nicht mit Kritik an anderen Auffassungen. Man mag einwenden, dass einem Kant, Nietzsche oder auch Wilhelm Schmid in der dortigen Kürze nicht volle Gerechtigkeit wiederfahren könne. Aber Quarch lässt sich zugunsten von Prägnanz und Lesefluss nicht auf tiefere Diskussionen ein – und das im Sinne des Zielpublikums richtigerweise.

Am Ende werden dem Leser nicht vordergründige Quintessenzen oder fertigen Rezepte untergejubelt. Stattdessen eröffnet Quarch eine geradezu euphorische Perspektive auf die Vielfalt des Lebens. Nicht durch rückhaltlosen Aktionismus, so der abschließende Tenor, nicht in tiefer Meditation, sondern im erfüllten Miteinander werde der Sinn gefunden – ob der Blick der geliebten Person uns konkret begegnet oder ob er als inneres Bild in uns aufsteigt.

Nicht oft wage ich zu sagen, ein philosophisches Buch sei „inspirierend“. Aber hier werden nicht bloß weise Sentenzen in brillianten Formulierungen vorgetragen, sondern hier hat jemand etwas zu sagen. Weder verschanzt sich Quarch im sicheren Elfenbeinturm, noch beschränkt er sich darauf, gegen etwas zu sein – er plädiert klar für etwas.

Insgesamt eine kurzweilige Lektüre, abwechselungs- und geistreich. Das Buch folgt einer klaren Linie, fast möchte ich sagen: Dramatik. Quarch schwingt sich gegen Ende zu einem geradezu poetischen Weitblick empor, voller Sehnsucht nach dem großen Ja zum Leben, das für uns möglich wäre. Es ist insofern ein begeisterndes Buch – für denjenigen, der empfänglich dafür ist.

Quarch, Christoph 2014: Das große Ja. Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens, Goldmann Verlag

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks http://www.nicolas-dierks.de #Wastueichhiereigentlich?

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