Glück, Genuss und Wahrheit des Kochens

Die Wohlfühlküche, mit diesem Versprechen möchte uns der britische Superstar-Koch Jamie Oliver an die anregende und wohltuende Wirkung von Kochen und Essen erinnern. Was bei ihm vor allem nostalgische Gründe hat, die Erinnerung an tolle Gerüche, Geschmäcker und Gerichte aus der Kindheit, wird in anderen Kontexten zum neuen Elixier der Glückseligkeit.

Ja, so scheint ein aktueller Trend in unserer angeblichen Fastfood-Gesellschaft zu sein: Genussvolles Kochen und Essen macht gesund, glücklich und fördert die persönliche Entwicklung. In Deutschland hat ein Mann die Herzen des Publikums im Sturm erobert: Attila Hildmann ist sein Name. Nicht nur sein kometenhafter Aufstieg als Kochbuchautor und Fitnessmodel ist erstaunlich, ebenso sein programmatischer Auftritt ist verblüffend. Die Geschichten um die Rezepte herum sind mindestens genauso wichtig wie das vegane Kochen selbst.

Gekonnt inszeniert Hildmann seine eigene Geschichte, die Herzkrankheit seines Adoptivvaters und den eigenen Abnehmerfolg. Vegane Küche kann Wunder vollbringen namens Gesundheit, Schlankheit und Verjüngung. Vegane Ernährung soll für Hildmann vor allem zwei Dinge senken: den Cholesterinspiegel und das biologische Alter – und damit zugleich das Wohlbefinden um einen signifikanten Teil steigern. Die Empfehlungen aus der Küche sind damit noch nicht an ihr Ende gekommen.

Jeder kennt das Gefühl, zu viel gegessen zu haben. Genauso kennt wohl jeder das behagliche und beglückende Gefühl, nach langer Zeit des Hungers endlich eine warme Mahlzeit in den Bauch zu bekommen. Das eigene Wohlgefühl ist zweifelsohne an die individuelle Ernährung und Nahrung gekoppelt. Was im Christentum noch als Sünde gegolten hat, die Völlerei, ist in einer auf Genuss abegestimmten Weise etwas ganz anderes als der Weg in die Hölle. Es ist auch nicht mehr einfach nur der Gang in eine Kochshow.

Den sicheren Weg zu mehr Glück, Erfolg und Persönlichkeit beschreitet für uns mal wieder der Bestseller-Import aus den USA. Dieses Mal aber nicht mit der Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern der Gruß kommt direkt aus der Laienküche. Ein dreißigjähriges Multitalent, das allerdings bis dato gar nicht kochen konnte, zeigt uns, wie man über das Kochen auch seine Persönlichkeit entwickeln kann. Das Konzept ist verworren, der Ansatz überzeugend: Wenn ich etwas Neues lerne, wie z.B. das Kochen, dann trainiere ich damit mein gesamtes kognitives Talentkostüm. Etwas Neues zu lernen heißt Fortschritte zu machen. Und diese sind der beste Weg zu mehr Erfolg und Glück im privaten sowie beruflichen Leben. „In so gut wie jedem Fach ist es möglich, binnen sechs Monaten oder weniger Weltklasseniveau zu erreichen“, meint Timothy Ferriss.

Ferriss’ Gerichte sind nicht unbedingt elegant, neu oder auffallend lecker. Es sind eher der originelle Zugang und die Haltung hinter der Motivation zu kochen, die faszinieren und zu einem zweiten Blick verführen. Für die elegante und ebenso für den Anfänger geeignete Küche zum Selberkochen greife man wohl besser zu Elisabeth Raethers schlanken Wochenmarkt. Wahrscheinlich sind es die sympathische Geschichte eines Mannes, der auszog um das Kochen zu lernen, und die genussvolle Verbindung von kochen, lernen und gutem Leben, die das Buch zu einem lesenswerten Buch machen.

Und die Moral von der Geschicht? Ein Kochbuch ist nicht einfach nur ein Kochbuch nicht. Und man muss kein Koch sein, um ein Kochbuch zu schreiben. Aber kochen und essen ist eine Bedingung der Möglichkeit, um Glück zu erfahren. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man selten allein kocht. Da wären sie wieder, die drei Bedingungen für ein gesundes und erfülltes Leben: soziale Beziehungen, Bewegung und gesunde Ernährung. Wie schön und einfach doch alles sein könnte.

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Vom Licht der Liebe in der Sinnfinsternis

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks http://www.nicolas-dierks.de/ #Wastueichhiereigentlich?

Hat unser Leben auch auf seiner Schattenseite Sinn? Und liegt es an uns, gegen alle Verzweiflung diesen Sinn zu erfinden? Oder können wir ihn nur dankbar empfangen? Philosoph Christoph Quarch legt mit Das große Ja ein inspirierendes Buch vor – und ein Plädoyer für die Entfaltung der Liebe zum Leben in allen seinen Schattierungen.

Quarch stützt sich auf einen Erfahrungsbericht Viktor Frankls. Selbst im Grauen von Ausschwitz fand Frankl psychischen Halt durch das innere Bild seiner geliebten Frau. Dieser Bericht ist unterschiedlich gedeutet worden. Andere betonen dabei das Element der Entscheidung: Ganz gleich, wie uns das Leben mitspielt – wir haben immer die Wahl unserer Einstellung dazu und das gibt uns einen unveräußerlichen Rest an Freiheit. Anders Quarch: Er akzentuiert stärker, dass Frankl unter grausamsten Bedingungen ein hoffnungsstiftendes Bild empfing, das ihn zu einer jubelnden Bejahung seines Lebens geführt habe.

Ob hier die eigene Wahl oder ein gnadenvolles Empfangen im Vordergrund steht, ist die grundlegende Thematik, an der Quarch seine Überlegungen entfaltet. Seine Diagnose lautet, dass wir heutige Menschen uns selbst überschätzen und deshalb verlernt hätten, für den Sinn des Lebens empfänglich zu sein. Damit richtet sich Quarch kritisch an das humanistische Selbstverständnis, das die menschliche Unabhängigkeit ins Zentrum rückte – und dabei vielleicht übertrieb. Sein Ziel ist, unter Rückbesinnung auf antike Philosophie und moderne Denker wie Nietzsche und Heidegger, verständlich zu machen, wie man dieses große Ja zum Leben empfängt.

Souverän führt Quarch den Leser durch das Programm des Buchs: Nach dem Aufriß der Frage und der Abgrenzung von anderen Antworten, breitet Quarch das Weltbild griechischer Philosophie und Mythologie aus, in dem zwei gegensätzliche Kräfte wirken – einerseits der lichtvolle Apollon, andererseits der berauschte Dionysos. Quarch entwickelt seine Deutung dieses Weltbilds als Empfehlung für die heutige Zeit und ergänzt es um die Gestalt der Aphrodite. Das Herz jederzeit für die Erfahrung zu öffnen, dass das Leben trotz seiner Widersprüche STIMMT, das ist Quarchs Botschaft.

Dabei schreibt Quarch flüssig und anschaulich, ohne mit Fachausdrücken zu kokettieren. Sympathisch wendet er sich gelegentlich an den Leser und lädt zu eigenen Gedankengängen ein. Einen erzählerischen Rahmen bilden fiktive Dialoge im Himmel zwischen dem allmächtigen Gott, Vertretern der griechischen Götterwelt und großen Philosophen. Diese Zwischenspiele lockern die Lektüre humorvoll auf, doch ohne abzuschweifen.

Quarch drängt den Leser zu keinem religiösen oder spirituellen Standpunkt. Er selbst favorisiert jedoch das Bild eines empfangenden Sinn-Erlebnisses und spart auch nicht mit Kritik an anderen Auffassungen. Man mag einwenden, dass einem Kant, Nietzsche oder auch Wilhelm Schmid in der dortigen Kürze nicht volle Gerechtigkeit wiederfahren könne. Aber Quarch lässt sich zugunsten von Prägnanz und Lesefluss nicht auf tiefere Diskussionen ein – und das im Sinne des Zielpublikums richtigerweise.

Am Ende werden dem Leser nicht vordergründige Quintessenzen oder fertigen Rezepte untergejubelt. Stattdessen eröffnet Quarch eine geradezu euphorische Perspektive auf die Vielfalt des Lebens. Nicht durch rückhaltlosen Aktionismus, so der abschließende Tenor, nicht in tiefer Meditation, sondern im erfüllten Miteinander werde der Sinn gefunden – ob der Blick der geliebten Person uns konkret begegnet oder ob er als inneres Bild in uns aufsteigt.

Nicht oft wage ich zu sagen, ein philosophisches Buch sei „inspirierend“. Aber hier werden nicht bloß weise Sentenzen in brillianten Formulierungen vorgetragen, sondern hier hat jemand etwas zu sagen. Weder verschanzt sich Quarch im sicheren Elfenbeinturm, noch beschränkt er sich darauf, gegen etwas zu sein – er plädiert klar für etwas.

Insgesamt eine kurzweilige Lektüre, abwechselungs- und geistreich. Das Buch folgt einer klaren Linie, fast möchte ich sagen: Dramatik. Quarch schwingt sich gegen Ende zu einem geradezu poetischen Weitblick empor, voller Sehnsucht nach dem großen Ja zum Leben, das für uns möglich wäre. Es ist insofern ein begeisterndes Buch – für denjenigen, der empfänglich dafür ist.

Quarch, Christoph 2014: Das große Ja. Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens, Goldmann Verlag

Ein Gastbeitrag von Nicolas Dierks http://www.nicolas-dierks.de #Wastueichhiereigentlich?

Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst

Und weil’s so schön (kurz) ist…

endlichverstehen

Das ist der vielleicht schönste Satz, der uns von dem altgriechischen Arzt und Philosophen Hippokrates überliefert ist. Kein Wunder, dass Harald Weinrich ihn als Ausgangspunkt für sein Buch genommen hat. Hippokrates war Philosoph, Dichter und Arzt zugleich. Er ist bis heute für seine Aphorismen bekannt. Wahrscheinlich kommt Eckart von Hirschhausen einer modernen Version von Hippokrates am nächsten.

Das Leben ist auch heute noch kurz. Auch wenn wir länger leben als jemals zuvor. Daher dreht sich auch in Harald Weinrichs Buch Knappe Zeit alles um’s Leben. Mit einem unglaublichen Gespür für das Detail kann Weinrich sämtliche Literaturbezüge in den Alltag zurückführen. Egal ob Seneca,Dante, Goethe, Franklin, Heidegger oder Jules Verne.

Das Buch ist ein Ritt durch die Kultur- und Literaturgeschichte von den Griechen bis heute. Angeblich wurde die Zeit seit Aristoteles räumlich gedacht. Erst bei dem französischen Philosophen Henri Bergson soll sie ohne Räumlichkeit gedacht…

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Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

endlichverstehen

Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, sondern er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles…

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Arbeit, Angst, Kapital, Akademisierungswahn, 4-Stunden Woche, Mini-Ruhestand und Grundeinkommen für alle?

Arbeit macht süchtig! Arbeit macht krank! Du sollst nicht funktionieren! Ist Arbeiten eine Resonanzerfahrung oder einfach nur stupide Selbstentfremdung? Was früher an der instrumentellen Vernunft kritisiert wurde, scheint in unseren Tagen als Kritik an der Arbeit wiederzukehren. Work-Life-Balance heißt das neue Zauberwort, mit dem der verdinglichenden und krank machenden Arbeit der Kampf angesagt wird. Bereits in den Schulen treibt das Leistungsprinzip unsere Kinder in das Burnout, ganz zu schweigen von dem grundlegenden Missverständnis, dem unsere Kultur aufgesessen ist: dass exzellente Leistung auch Erfolg bedeutet.

Schlimmer könnte diese Nachricht nicht sein, die zu den Grundlagen einer Gesellschaft der Angst gehört. Denn nicht nur arbeiten wir uns zu Tode! In unserem Akademisierungswahn glauben wir auch noch daran, dass akademische Abschlüsse und die in Bildungseinrichtungen erbrachte Leistung uns zu zufriedenen und wohlhabenden Menschen macht. Dass Leistung und Arbeit kein Erfolgsgarant für Wohlstand und Reichtum sind, bestätigt auf gnadenlose Weise auch der Ökonom Thomas Piketty in seiner historischen Studie Das Kapital des 21. Jahrhunderts.

Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt sich nicht nur aus persönlichem Interesse am eigenen Glück und Geld. Denn darin sind sich die Forscher einig: Arbeit macht nicht nur unglücklich und krank, von ihr hängt ganz schlicht und einfach unser Glück ab. Daher formuliert Joachim Bauer diese eine entscheidende Frage, die sich wohl fast jeder stellt, so: Welchen Beitrag kann die Arbeit zu einem guten Leben leisten?

Das tolle und faszinierende an Bauers Buch Arbeit ist, dass er pointiert und souverän einen Überblick in die Gesamtthematik liefert. Ob aus neurowissenschaftlicher, medizinischer, psychologischer oder arbeitspolitischer Perspektive, in jedem Kapitel wird auf anschauliche Weise der aktuelle Stand der Diskussion zusammengefasst. Dabei regt der Autor mit seiner eigenen Meinung zur Auseinandersetzung mit der individuellen Arbeitssituation und Arbeitsweise an. Ob es die Unterscheidung zwischen breiter und fokussierter Aufmerksamkeit ist oder ob es um die Erkenntnis geht, dass schlechte Führung in Unternehmen zur Unzufriedenheit der Mitarbeiter beiträgt…nach der Lektüre wird man sich selbst und sein Unternehmen in einem neuen Licht erblicken.

Lösungen für eine bessere Work-Life-Balance gibt es wie Sand am Meer. Yoga, Pilates, gesunde Ernährung und Stressmanagement findet man meist an erster Stelle. Die Ratgeber- und Coachingszene hat sich hierfür ein riesiges Marktsegment erobert, das eine ebenso große Nachfrage erfährt. In der Müdigkeitsgesellschaft ist niemand geschützt vor der selbstzerstörerischen Selbstausbeutung. Man kann auch einfach die Trennung von Arbeit und Leben aufheben und sich zur intrinsischen Motivation und Liebe zur eigenen Berufung bekennen. Statt Work-Life-Balance heißt es dann Work-Life-Bullshit! Dahinter verbirgt sich ein wirklich anregender und fröhlicher Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Lamentieren über die Zumutung der Arbeit.

Ich persönlich finde die neueste Version des americam dream am besten: Bestseller-Autor Timothy Ferriss empfiehlt die 4-Stunden Woche als eleganten Ausweg aus dem Hamsterrad. Dabei sollte man diese Anleitung zum persönlichen Ponyhof nicht unterschätzen und als bloßen Kollektivtraum einer ausgebrannten Gesellschaft abtun. Mit teils realistischen Beispielen aus dem eigenen Leben und mit lesenswerten Tipps wird hier im Vorbeigehen einfach mal das Konzept des Ruhestands in Frage gestellt: Warum nimmt man nicht die üblichen 20-30 Jahre Ruhestand und teilt sie auf das ganze Leben auf, anstatt alles für das Ende aufzusparen?

Mit diesem gekonnten Auftakt in den Mini-Ruhestand lässt sich dann vielleicht auch die vielversprechendste Lösung für das Arbeitsproblem in Angriff nehmen: das Grundeinkommen für alle. In Berlin werden 12 Monate Grundeinkommen mittlerweile schon per Los vergeben. Viel Glück und toi toi toi…!