Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst

Das ist der vielleicht schönste Satz, der uns von dem altgriechischen Arzt und Philosophen Hippokrates überliefert ist. Kein Wunder, dass Harald Weinrich ihn als Ausgangspunkt für sein Buch genommen hat. Hippokrates war Philosoph, Dichter und Arzt zugleich. Er ist bis heute für seine Aphorismen bekannt. Wahrscheinlich kommt Eckart von Hirschhausen einer modernen Version von Hippokrates am nächsten.

Das Leben ist auch heute noch kurz. Auch wenn wir länger leben als jemals zuvor. Daher dreht sich auch in Harald Weinrichs Buch Knappe Zeit alles um’s Leben. Mit einem unglaublichen Gespür für das Detail kann Weinrich sämtliche Literaturbezüge in den Alltag zurückführen. Egal ob Seneca, Dante, Goethe, Franklin, Heidegger oder Jules Verne.

Das Buch ist ein Ritt durch die Kultur- und Literaturgeschichte von den Griechen bis heute. Angeblich wurde die Zeit seit Aristoteles räumlich gedacht. Erst bei dem französischen Philosophen Henri Bergson soll sie ohne Räumlichkeit gedacht worden sein. Auch Weinrich befreit die Zeit von dieser eindimensionalen Perspektive. Die Zeit ist vor allem erlebte Dauer. Sie ist Bewusstsein und knappes Gut. Zeit ist sichtbar gemachte Gegenwart.

Auch eine historische Zeitdiagnose versteckt sich in Weinrichs Überraschungstüte: Bereits im 18. Jahrhundert siegt die Zeit über den Raum. Die Beschleunigung der Moderne ist vor allem ein zeitliches Phänomen und verändert durch ihre Allianz mit der Ökonomie die ganze Welt. Daher ähneln sich Geld und Zeit. Als begrenzte Ressourcen sind sie verwandt. Zeit ist Geld. Geld ist Zeit.

So zumindest kann man versuchen, Kunst und Ökonomie des befristeten Daseins zusammen zu denken. Am Ende ist jede Zeit subjektiv und relativ. Bei Weinrich bedeutet Zeitknappheit zumeist ein Bewusstsein von Vergänglichkeit. Dies ist aber nur eine Art und Weise, dieses kluge Buch zu lesen.

Es gibt da noch den richtigen Augenblick, den günstigen Zeitpunkt. Der Mensch, der ihn für sich erwischt, ist ein glücklicher Mensch. Daher ist die Meisterung der Lebenszeit eine Eroberung des Glücks. Harald Weinrich hat mit Knappe Zeit ein Buch über das Glück des Menschen geschrieben. Raffiniert. Überraschend. Und eine verständliche Verortung der Literatur im menschlichen Alltag.

Aber Vorsicht: Harald Weinrich ist belesen. Er kennt sich aus in den romanischen Sprachen. Die Zeilen und Kapitel sind dicht und philologisch ausgetüftelt. Knappe Zeit ist keine Lektüre für Anfänger.

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