Entspannung statt Aktivismus gegen falsche Schüchternheit

Ist es schlimm, sich von dem Titel angesprochen zu fühlen? Muss ich mich als schüchtern oder gar als erfolglos outen, wenn ich sage, dass mich der Titel anspricht? Zumindest etwas zögerlich habe ich mich an dieses Buch heranwagt, da ich mich doch als glücklichen Schüchternen sehe und mit Selbstmarketing gar nicht so viel anfangen kann. Selbstmarketing für Schüchterne: Ein mutiger Titel, der genauso anspricht wie abschreckt.

Allein die Biografie und die Selbstdarstellung der Autorin laden zu einem zweiten Blick ein. Eine authentische Selbstdarstellung, so würde man sagen, nicht zu dick aufgetragen, wie der Titel noch vermuten ließ. Genauso interessant stellt sich dann der Inhalt heraus:

Pro: Mit insgesamt 79 Übungen ist das Buch sehr praxisorientiert. Die Anleitungen zur inneren Visionssuche sind klar und verständlich formuliert. Aufbau und Struktur sind systematisch und überzeugend. Schwerpunkt der Übungen liegt auf innerer Vorstellungskraft, Erkundung eigener Wünsche und immer wieder ein Realitätscheck, ohne den die Reise in die eigene Wunschwelt ergebnislos bliebe. So wird auch das potentielle und zukünftige Kundenprofil mit in den Übungsverlauf eingebunden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Selbstakzeptanz und Entspannung.

Contra: Ein Durchgang durch alle Übungen ist zeitaufwendig. Zudem ist der empfohlene Sparringspartner nötig. Für Menschen, die sich notorisch nicht oder nur schwer entscheiden können, ist der Ratgeber eine echte Herausforderung. Da kann es passieren, dass die Liste an Wünschen und neuen Tätigkeiten ins Unendliche wächst. Daher Achtung, das Problem der Selbstwahrnehmung ist mit Vorsicht zu genießen, da Fehleinschätzungen und verschobene Selbstwahrnehmung nicht ungewöhnlich sind. Eine plausible und anwendbare Unterscheidung zwischen richtiger und falscher Schüchternheit, angemessener und unangemessener „Selbstmarketing-Blockade“ wird nicht thematisiert.

Angesprochen sind schüchterne Menschen, die mit ihrer Schüchternheit in irgendeiner Weise unzufrieden sind. Der Ratgeber gegen „Selbstmarketing-Blockaden“ spielt mit dem Glauben daran, dass Schüchternheit dem beruflichen Erfolg und der gelungenen Selbstpräsentation grundsätzlich im Weg stehen. Nun ist Schüchternheit aber ein tagesformabhängiger Persönlichkeitsaspekt und eine Eigenschaft, die die meisten Menschen bei sich selbst kennen (auch wenn sie keine durchgängig schüchterne Persönlichkeit sind). Daher ist die angesprochene Zielgruppe größer als die auf dem Buchtitel erwähnten schüchternen, introvertierten und hochsensiblen Menschen.

Selbstmarketing für Schüchterne – Ausrufezeichen. Klingt ganz und gar wie ein Buch, das man am liebsten gleich wieder weglegen will, da doch ganz offensichtlich an die Machbarkeit der völligen Selbsttransformation appelliert wird. Also ein weiterer Ratgeber, der sich blind und nahtlos in die Tradition der ‚Wie lerne ich mein Leben selbst zu bestimmen’-Werke einreiht? Nein, denn es handelt sich nicht um eine Anleitung und Umerziehung zur Rampensau. Das Programm hat immer das ganzheitliche Wohlbefinden im Auge und schafft damit eine gelungene Mischung aus Karriereratgeber, Persönlichkeitsentwicklung und Entspannungstechniken.

Und als Fazit: der Ansatz ist tatsächlich bemerkenswert! Dem schüchternen Patienten beizubringen, wie er sich entspannt, ist wohl unwahrscheinlich viel effektiver als ihn in eine angespannte „Ich-muss-jetzt-performen-und-mich-präsentieren-Haltung“ zu versetzen.

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