Die Macht der Macht oder du sollst nicht langweilen!

Macht ist ein Reizthema. Macht ist überall. Macht hat symbolischen Charakter und braucht Zeichen zur Demonstration ihrer Stärke. Statussymbole dieser Art kennt jeder und sie finden sich überall, egal ob im privaten Leben oder im Beruf. Im alltäglichen Denken und in den Medien ist Macht vielfach negativ besetzt. Oder anders gesagt, sie „hat oft einen negativen Beigeschmack“, wie der Autor Reiner Neumann schreibt.

Dass Macht allerdings auch produktiv ist, wird oftmals vergessen und unterschlagen. Wie Macht in der Gesellschaft wirkt und wie sie bis in den Alltag des Individuums ausstrahlt, ist die entscheidende Frage und grundsätzliche Motivation für dieses Buch. Es geht um die produktive Kraft von Macht, die die Beziehungen zwischen den Individuen im gesamtgesellschaftlichen Gefüge trägt und in permanenter Spannung hält. Mit Foucault gesprochen wirkt Macht bis in das Innere der Körper und lässt sich sogar an bestimmten körperlichen Bewegungen und Gesten ablesen. So weit, so gut. Was der Autor über das Phänomen Macht schreibt, trifft leider auch auf dieses Buch zu: ein negativer Beigeschmack.

Vorab: Es handelt sich um eine sehr verständlich geschriebene Einführung in die Thematik. Allerdings ist das Buch insgesamt zu trocken und zu theoretisch. Der an Bildung interessierte Leser wird an vielen Stellen nachfragen und zu weiterer Literatur greifen müssen. Der Leser mit Vorwissen wird nichts Neues erfahren. Und der an tatsächlichen Ratschlägen Interessierte wird vergeblich nach brauchbaren Handlungsempfehlungen suchen.

Die große Stärke des Buches liegt darin, einen wirklich breiten und flächendeckenden Überblick in das Phänomen der Macht zu vermitteln. Dabei gibt es drei Highlights: Im Kapitel „Macht und Sprache“ gibt es eine sehr pointierte Darlegung der kommunikationspsychologischen Gesprächsgrundlagen. Die Aussagenebenen von Schulz von Thun werden genauso erläutert wie die Praxis von offenen und geschlossenen Fragen. Das Buch zeigt ein paar wirkungsvolle Sätze für den Umgang mit negativen Fragen und der Höhepunkt ist ein kurzer Exkurs zu Schopenhauers eristischen Dialektik. Hier lernt man, seinen Gesprächspartner durch kurze aggressive Statements zu irritieren und zu überraschen. Ein weiteres Highlight besteht in den Kapiteln „Macht und Menge“ und „Macht und Beziehungen“. Hier liefert der Autor nicht nur profunde Analysen der Massen- und Gruppenpsychologie, in diesem Bereich kommen auch zahlreiche gut gewählte Beispiele aus Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft zum Einsatz.

Pro: Jedes Kapitel wird am Ende und manchmal auch zwischendurch mit kurzen Sätzen und Stichworten in einem grauen Kasten zusammengefasst. Sehr übersichtlich gehalten und die grauen Kästen sind eine effektive Methode für das lernende Verstehen.

Contra: Die einzelnen Themen gleiten nur so über die Oberfläche und gehen selten in die Tiefe. Die Beispiele sind zwar aktuell und anschaulich, aber standardisiert und mechanisch. Es fehlen tatsächliche Fallbeispiele. So verkommt die Macht der Macht in Allgemeinheiten und zuweilen auch in Plattitüden. Der Autor resümiert fast durchgängig und verzichtet fatalerweise auf eigene Gedanken. Schade, denn im Feuilleton wurde das Buch gelobt. Und auch die anderen Bücher kommen – zumindest hier bei amazon – viel besser weg. Wenn man dann jetzt noch den Mut hätte, ein anderes Buch in die Hand zu nehmen.

Für diese leider viel zu allgemeine Lektüre zwei Ratschläge von Billy Wilder und Theodor W. Adorno für Ratgeberliteratur im Allgemeinen: „Du sollst nicht langweilen!“ (Billy Wilder) und bitte auf eigene Gedanken nicht verzichten! Denn sonst wird der Ratgeber zum schlechten Essay: „Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben.“ (Theodor W. Adorno)

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