Auf der Suche nach dem verlorenen Ratgeber

Proust

Da muss erst ein Philosoph kommen und aus dem literarischen Werk Prousts einen Ratgeber zaubern, damit wir wieder einmal erkennen, was Literatur und Philosophie eigentlich und in ihrem Ursprung leisten können? Ja, Alain de Botton gibt seiner Anleitung auch gleich den richtigen Namen: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Und erinnert damit an nichts anderes als an die Tatsache, dass es eine wichtige Rolle von Literatur und Philosophie ist, das Leben der Menschen zu verändern.

Moment mal, und das soll am Beispiel von Proust gelingen? Ein Mann, der mehr Probleme hatte als ein einzelner Mensch in zwei Leben ertragen könnte! Ein Mann mit einer angeschlagenen Gesundheit, der zwar in seinen Texten logisch, komplex und präzise erscheint, in seinem Leben aber das Leiden zur Maxime Nr. 1 erhoben hat. Nein, es kann nur mit Proust gelingen, weil der Philosoph etwas kann, was der Schriftsteller selbst nicht konnte. Das Beste aus seinen Gedanken rauszuholen und in positive Empfehlungen und Inspirationen für das Leben umzuformulieren.

Und das geht ziemlich einfach. Gleich zu Beginn muss man zunächst die Absicht von Proust definieren und damit dem Ratgeber die entscheidende Richtung geben. In der Suche nach der verlorenen Zeit geht es Proust nicht um die Erinnerung an eine bessere und empfindsamere Epoche, sondern darum, „wie man aufhört, sein Leben zu verschwenden und es schätzen lernt.“ Damit sind wir am Kern jedes ratgeberischen Unternehmens angelangt: Steigerung der Wertschätzung für das eigene Leben und für die Welt. Mit Proust sind wir also auf der Suche nach der verlorenen Selbstakzeptanz.

Und das funktioniert bei Alain de Botton außerordentlich gut. Wir erfahren nicht nur, wie man mit Proust lernen kann, sich Zeit zu nehmen und richtig zu lesen. Plötzlich entdecken wir in Prousts Abwertung von Klischees eine Anleitung dazu, seine eigene Sprache zu finden und seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Mit der Aufmerksamkeit für Erinnerungen und Empfindungen können wir auf wunderbare Weise neu sehen lernen. Im Umgang mit Freundschaften kann man mit Proust sein ganz persönliches Maß an Streben nach Zuneigung entdecken. Wer hätte das gedacht!?

Na klar, das längste Kapitel, wie sollte es anders sein, ist dem erfolgreichen Leiden gewidmet (Wie man erfolgreich leidet). Aber auch hier können wir neben Kopfschütteln und Staunen über das Ausmaß an persönlichem Unglücksgefühl noch etwas anderes rausziehen. Wir verstehen, warum die Menschheit viel mehr Ideen hervorbringt als sie jemals umsetzen kann. Weil sie Ersatz für Leiden sind und eine kompensatorische Wirkung für das menschliche Bewusstsein haben.

Viele Charaktere in Prousts Romanen sind in ihrem Schmerz gefangen. Sie entwickeln die verrücktesten Abwehrmechanismen, um ihren Schmerz nicht zu spüren. Sie werden immer wieder von leidvollen Situationen überrascht, ohne aus ihnen zu lernen. Für die literarische Wirklichkeit ist dies legitim. Die philosophische Wirklichkeit darf hier nicht stehen bleiben. Und so zaubert Alain de Botton am Ende eine wertwolle Empfehlung aus dem Hut: Zufrieden kann nur der sein, der für sein eigenes Unglück und sein eigenes Leiden die volle Verantwortung übernimmt.

Diese Lektionen lernt man in diesem Ratgeber der anderen Art sowohl aus dem Leben von Marcel Proust als auch aus dem Leben der Romanfiguren. Hier erweist sich Alain de Botton als Pionier und revolutionärer Vordenker: Der Autor ist nicht tot. Vielmehr lebt er genauso wie die Romanhelden in einem Reich verändernder Wirklichkeit. Die Veränderung muss aber nicht in der Fiktion stattfinden. Sie wird aus der Fiktion in die Realität des Bewusstseins gezogen. Autobiografie und literarische Fiktion verbinden sich zu einem Mittel für Entwicklung und Veränderung. Hierin besteht die große Leistung des Ratgebers, der zwischen Anleitung und Antileitung changiert.

In letzter Konsequenz ist der Ratgeber ein Anti-Proust: Denn es kann nicht darum gehen, seine Welt mit unseren Augen zu betrachten. Produktiv ist es nur dann, wenn wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten. Diese Proustsche Perspektive, solange wir sie nicht übernehmen, kann uns verblüffen, zum Nachdenken anregen, zum Lachen bringen und unser Leben verändern.

Aber Vorsicht: Die melancholische Grundstimmung des Buches ist ansteckend. Daher unbedingt berücksichtigen, wie man ein Buch am besten aus der Hand gibt: Selbst die besten Bücher haben es verdient, in die Ecke geschmissen zu werden!

Proust_Gitarre

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