No Business like Glücksbusiness!

Vorab sei gesagt: bei der Eroberung des Glücks handelt es sich um einen sympathischen und wohlbekannten Abgesang auf den materiellen Reichtum. Ja, wir wissen es alle, Geld allein macht nicht glücklich. So weit, so gut. Interessant daran ist, dass das Buch 1930 veröffentlicht wurde, also genau ein Jahr nach der großen Weltwirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Nun machen die historischen Umstände ein Buch vielleicht interessant, aber deswegen ist es noch lange nicht gut.

Idee und Ansatz der Reihe sind super: Wir machen einen Klassiker für ein zeitgenössisches Publikum zugänglich. Allerdings führt der Untertitel mehr als in die Irre. Bereits ein kurzer Blick in das Inhaltsverzeichnis macht klar, dass es sich nicht um 52 Ideen für Ihr Business handelt. Zumindest nicht, wenn man Business im herkömmlichen Sinne versteht. Es handelt sich um eine Abfolge von 52 inspirierenden Gedankengängen zu den verschiedensten Themen, die in der Zeit der Weltwirtschaftskrise – ähnlich wie heute – angesagter waren denn je.

Die Erkenntnis, dass Geld allein nicht glücklich macht, paart sich mit einer Besinnung auf die guten alten Werte des individuellen Glücks. An vielen Stellen offenbaren sich Russels Ratschläge als äußerst modern. Er spricht sich gegen das konventionelle Konkurrenzdenken aus und erinnert damit ganz ohne Zufall an den elitären Ansatz von IT und Silicon Valley Guru Peter Thiel. Andere Kapitel thematisieren, wie man Potenziale nutzt, ein gesundes Maß an Optimismus, Vergnügen und Lebensfreude gewinnt und dass Liebe in einer Beziehung bedeutet, Freude zu teilen und somit auch Glück zu vermehren. Eine ganze Anzahl anderer Kapitel widmet sich den Themen Erziehung im Umgang von Eltern mit ihren Kindern.

Pro: Zu jedem der 52 kurzen Kapitel gibt es ansprechende Zitate rechts oben und links unten auf jeder Seite. Das macht die Textzusammenstellung zu einem schönen und inspirierenden Gesamtkunstwerk im Collagestil. Die nüchterne und teils pragmatisch-sachliche Haltung von Bertrand Russel findet sich in Sprache und Stil wieder.

Contra: Das Buch ist weder Fisch noch Fleisch. Es ist zu unpersönlich geschrieben, um ein anregender und ansprechender Ratgeber zu sein. Dann hat der Verfasser aber auch zu viel in die Trickkiste der Wir-Perspektive gegriffen. Das Wir ist eher langweilig als dass es einen mitnehmen würde. Ich kann mich nicht immer mit dem Wir identifizieren. Die direkte und emotionale Ansprache fehlen. Es handelt sich definitiv nicht um 52 Ideen für Ihr Business, sondern um 52 Gedanken zu einem erfolgreichen, glücklichen und gelingenden Leben. Und schließlich kommen in dem Buch zu wenig Zitate und originale Gedanken von Bertrand Russel vor. Es wird zu viel referiert und man kann nur selten zwischen Meinung des Autors und dem echten Gedanken des Philosophen unterscheiden.

Spannend ist die Mischung aus Binsenweisheiten und Anti-Ratgeber-Tendenzen. Es wird mehrere Male dazu aufgerufen, andere Ratgeber wegzuschmeißen und Überzeugungen über Bord zu werfen. Insgesamt schwankt Russel – oder der Autor – zwischen der Position sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und die eigenen Wünsche und Lüste in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Auch hier wieder ein Zeichen für das moderne Denken von Russel, der sich für einen moderaten Hedonismus trotz aller Widersprüche im Leben ausspricht.

Was ganz klar fehlt: Die Erkenntnis, dass die Bewertung der individuellen materiellen Lebensumstände relativ ist zu dem, was die Menschen in meiner Umgebung besitzen. Besitztum und Reichtum orientiert sich daran, was andere haben und als reich definieren.

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