Erleben macht glücklicher als Haben

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Als im Jahr 1992 das Buch ‚Erlebnisgesellschaft’ von Gerhard Schulze erscheint, besteht kein Zweifel mehr daran, dass Unterhaltung, Animation und Erlebnis zu Konsumgütern geworden sind, die sich auf hervorragende Weise vermarkten lassen. Heimliche und knappe Ressource in der Erlebnisgesellschaft sind Zeit, Aufmerksamkeit und die Qualität des Erlebten. Es reicht schon lange nicht mehr Dinge einfach nur zu tun, es muss schon ein gewisses Etwas, ein Erlebnisfaktor hinzukommen. Großstädte wie New York, London und Paris sind so sehr auf ihre Erlebnissphäre hin ausgerichtet, dass sie an manchen Stellen kaum noch von Disneyland zu unterscheiden sind.

Ein direktes Produkt dieser Gesellschaft ist die Generation Y, die in den fetten 80er und 90er Jahren aufgewachsen ist. Wenn für die Vertreter dieser verwöhnten Generation etwas klar ist, dann die Erkenntnis, dass sie es wahrscheinlich nicht besser haben werden als ihre Eltern. Da Reichtum, Wohlstand und materielle Stabilität der Eltern uneinholbar scheinen, verlieren auch die alten Statussymbole und Insignien der Macht an Bedeutung. Dieser Wertewandel findet, glaubt man Kerstin Bund, vor allem in der Arbeitswelt statt.

Statussymbole wie der Firmenwagen, die eigene Immobilie und der eigene Kleinwagen haben vielfach ausgedient. Die Generation Y strebt nach Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung. Das neue Zauberwort und Statussymbol heißt Autonomie. Mehr Freiheit in der Gestaltung von Beruf und individueller Freizeit. Für Kerstin Bund zählen folgende Werte für die neue Work-Life-Balance: mehr Freiheiten, gute Führung, bessere Vereinbarkeit, mehr Individualismus und richtige Belohnung.

Mit Glück schlägt Geld schreibt Kerstin Bund ein schonungsloses Generationenporträt, das auch vor Worten wie Selbstverwirklichung, Spaß und Individualismus keinen Halt macht. Echt absolut 90er, würde man spontan sagen, aber das Buch ist aus dem Jahr 2014. Im Jargon der Eigentlichkeit enthüllt es, was die Generation Y wirklich will: „Behütet aufgewachsen, gut vernetzt, selbstbewusst und anspruchsvoll. Das ist meine Generation, die nach 1980 Geborenen, die gerade hunderttausendfach die Arbeitswelt betreten und ihren Chefs genauso viel Aufmerksamkeit (wenigstens Blumen zum Geburtstag) und Anerkennung (ein Lob für die Extra-Arbeit) abverlangen wie ihren Eltern.“

Das ist vielleicht ein bisschen zu viel? Möglicherweise, ja. Auch die Autorin diskutiert zu ihrer These mehrere Perspektiven und bietet eine vielschichtige sowie differenzierte Lektüre. Damit entsteht ein Ratgeber der besonderen Art, denn gerade auf den letzten 50 Seiten stehen wertvolle Ratschläge und Handlungsempfehlungen für eine gelungene Transformation der Arbeitsweise. Nicht nur Flexibilisierung im Arbeiten, sondern auch im Denken ist am Ende Dreh- und Angelpunkt für eine gelungene Integration der anspruchsvollen Y-Bedürfnisse in den Unternehmen und Firmen. Mit zahlreichen Vorschlägen und Fallbeispielen wird das Buch zu einem lesenswerten und anregenden Ratgeber für ein flexibleres Arbeiten und Denken.

Mit der These, dass Glück wichtiger als Geld ist und Sinn wichtiger als Besitztum und Status, knüpft Kerstin Bund an ein Denken an, das hierzulande beispielsweise durch Erich Fromm populär geworden ist (Sein ist wichtiger als Haben). Allerdings ist es kaum vorstellbar (wenn auch wünschenswert!), dass mit dem Generationenporträt wirklich die Masse der Generation Y abgebildet sein kann. Die ZEIT-Redakteurin übersieht, dass Selbstbestimmung und Individualismus längst selbst zu akkumulierbaren Gütern und kapitalisierbaren Statussymbolen geworden  sind. Individualistischer Lebenswandel und Selbstbestimmung setzen ein hohes Maß an Erfolg und Prestige voraus.

Ein interessanter und wohltuender gesellschaftlicher Trend zur Flexibilisierung und Selbstbestimmung ist hiermit zwar angezeigt (Bund gibt auch zahlreiche Beispiele). Ob er sich allerdings auch mehrheitlich und branchenübergreifend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Nicht in allen großen Konzernen und mittelständischen Unternehmen stehen das Sabbatical und flexible Arbeitszeiten auf der Tagesordnung.

Auf der Suche nach dem verlorenen Ratgeber

Proust

Da muss erst ein Philosoph kommen und aus dem literarischen Werk Prousts einen Ratgeber zaubern, damit wir wieder einmal erkennen, was Literatur und Philosophie eigentlich und in ihrem Ursprung leisten können? Ja, Alain de Botton gibt seiner Anleitung auch gleich den richtigen Namen: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Und erinnert damit an nichts anderes als an die Tatsache, dass es eine wichtige Rolle von Literatur und Philosophie ist, das Leben der Menschen zu verändern.

Moment mal, und das soll am Beispiel von Proust gelingen? Ein Mann, der mehr Probleme hatte als ein einzelner Mensch in zwei Leben ertragen könnte! Ein Mann mit einer angeschlagenen Gesundheit, der zwar in seinen Texten logisch, komplex und präzise erscheint, in seinem Leben aber das Leiden zur Maxime Nr. 1 erhoben hat. Nein, es kann nur mit Proust gelingen, weil der Philosoph etwas kann, was der Schriftsteller selbst nicht konnte. Das Beste aus seinen Gedanken rauszuholen und in positive Empfehlungen und Inspirationen für das Leben umzuformulieren.

Und das geht ziemlich einfach. Gleich zu Beginn muss man zunächst die Absicht von Proust definieren und damit dem Ratgeber die entscheidende Richtung geben. In der Suche nach der verlorenen Zeit geht es Proust nicht um die Erinnerung an eine bessere und empfindsamere Epoche, sondern darum, „wie man aufhört, sein Leben zu verschwenden und es schätzen lernt.“ Damit sind wir am Kern jedes ratgeberischen Unternehmens angelangt: Steigerung der Wertschätzung für das eigene Leben und für die Welt. Mit Proust sind wir also auf der Suche nach der verlorenen Selbstakzeptanz.

Und das funktioniert bei Alain de Botton außerordentlich gut. Wir erfahren nicht nur, wie man mit Proust lernen kann, sich Zeit zu nehmen und richtig zu lesen. Plötzlich entdecken wir in Prousts Abwertung von Klischees eine Anleitung dazu, seine eigene Sprache zu finden und seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Mit der Aufmerksamkeit für Erinnerungen und Empfindungen können wir auf wunderbare Weise neu sehen lernen. Im Umgang mit Freundschaften kann man mit Proust sein ganz persönliches Maß an Streben nach Zuneigung entdecken. Wer hätte das gedacht!?

Na klar, das längste Kapitel, wie sollte es anders sein, ist dem erfolgreichen Leiden gewidmet (Wie man erfolgreich leidet). Aber auch hier können wir neben Kopfschütteln und Staunen über das Ausmaß an persönlichem Unglücksgefühl noch etwas anderes rausziehen. Wir verstehen, warum die Menschheit viel mehr Ideen hervorbringt als sie jemals umsetzen kann. Weil sie Ersatz für Leiden sind und eine kompensatorische Wirkung für das menschliche Bewusstsein haben.

Viele Charaktere in Prousts Romanen sind in ihrem Schmerz gefangen. Sie entwickeln die verrücktesten Abwehrmechanismen, um ihren Schmerz nicht zu spüren. Sie werden immer wieder von leidvollen Situationen überrascht, ohne aus ihnen zu lernen. Für die literarische Wirklichkeit ist dies legitim. Die philosophische Wirklichkeit darf hier nicht stehen bleiben. Und so zaubert Alain de Botton am Ende eine wertwolle Empfehlung aus dem Hut: Zufrieden kann nur der sein, der für sein eigenes Unglück und sein eigenes Leiden die volle Verantwortung übernimmt.

Diese Lektionen lernt man in diesem Ratgeber der anderen Art sowohl aus dem Leben von Marcel Proust als auch aus dem Leben der Romanfiguren. Hier erweist sich Alain de Botton als Pionier und revolutionärer Vordenker: Der Autor ist nicht tot. Vielmehr lebt er genauso wie die Romanhelden in einem Reich verändernder Wirklichkeit. Die Veränderung muss aber nicht in der Fiktion stattfinden. Sie wird aus der Fiktion in die Realität des Bewusstseins gezogen. Autobiografie und literarische Fiktion verbinden sich zu einem Mittel für Entwicklung und Veränderung. Hierin besteht die große Leistung des Ratgebers, der zwischen Anleitung und Antileitung changiert.

In letzter Konsequenz ist der Ratgeber ein Anti-Proust: Denn es kann nicht darum gehen, seine Welt mit unseren Augen zu betrachten. Produktiv ist es nur dann, wenn wir unsere Welt mit seinen Augen betrachten. Diese Proustsche Perspektive, solange wir sie nicht übernehmen, kann uns verblüffen, zum Nachdenken anregen, zum Lachen bringen und unser Leben verändern.

Aber Vorsicht: Die melancholische Grundstimmung des Buches ist ansteckend. Daher unbedingt berücksichtigen, wie man ein Buch am besten aus der Hand gibt: Selbst die besten Bücher haben es verdient, in die Ecke geschmissen zu werden!

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Start-up-Manifest gegen den Kältetod des Universums

Dieses Buch ist nicht umsonst ein äußerst erfolgreicher Bestseller. Denn der Autor hält ein, was er am Anfang verspricht. Es geht um die große Frage, wie Neues in der Welt entsteht. Zero to One steht für die Bewegung, wie der Mensch Neues in die Welt bringen kann. Dafür braucht er nicht nur Denkfreiheit, sondern er muss Gemeinplätze in Frage stellen und sein Unternehmen neu erfinden. Richtig, sein Unternehmen. Was sich anhört wie eine Anleitung für neue Querdenker und Philosophen des 21. Jahrhunderts ist in Wirklichkeit eine Denkübung für Unternehmer. Und was für eine!

Zunächst einmal der Ausgangspunkt des Buches: Der technische Fortschrittsglaube ist zurück. Und das wurde auch Zeit, denn nach der Verabschiedung der Postmoderne gehen neuer Realismus und Fortschrittsglaube Hand in Hand. Fortschritt ist Technologie. Ebenso Globalisierung. Thiel sieht die Zukunft der Gesellschaft aber nicht in einem horizontalen Fortschritt, der lediglich Bewährtes kopiert. Nein, es geht um alles oder Nichts. Es geht um vertikalen Fortschritt, in dem radikal Neues erfunden wird. Peter Thiel entwirft hier nichts anderes als ein Manifest für die Start-up-Mentalität des 21. Jahrhunderts.

Bereits in diesem Intro treffen Avantgarde, Fortschrittsglaube und poststrukturalistische Magie aufeinander. Neues entsteht nur dann, wenn der Fortschritt intensiv, wenn die Idee wirklich neuartig ist. Um keine billige Kopie zu sein, muss sie auf einer neuen Ebene stattfinden. Daher fasst Thiel vertikalen oder intensiven Fortschritt auch mit dem Begriff „Technologie“ zusammen. Eingebettet ist dieser Avantgardismus des Neuen in eine brillante historische Perspektive auf die 90er Jahre und ihre Krisen und Blasen. Die These ist klar formuliert: Seit der Dotcom-Blase hat sich in den Köpfen des Silicon Valley ein bestimmtes Denken festgesetzt, an dessen Grundfesten Thiel nun rüttelt. Die vier alten Lektionen aus der Krise sind:

1. Gehe in kleinen Schritten vor.
2. Bleibe schlank und flexibel.
3. Wachse an der Konkurrenz.
4. Produkte sind wichtiger als ihr Vertrieb.

Diesen falschen Wahrheiten in den Köpfen der Unternehmer setzt Thiel in überzeugender Querdenker-Manier folgende vier Thesen entgegen:

1. Mut zum Risiko ist besser als Banalität.
2. Ein schlechter Plan ist besser als gar keiner.
3. Konkurrenz verdirbt das Geschäft.
4. Der Vertrieb ist genauso wichtig wie das Produkt.

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Auf den darauf folgenden 160 Seiten erläutert und entfaltet Thiel seine Argumentation dafür, warum die ersten vier Glaubenssätze falsch und seine vier Thesen richtig sind. Dabei entdeckt er nicht nur die Ursache des fehlerhaften Wirtschaftsdenkens in der Physik des 19. Jahrhunderts (die die Wirtschaftswissenschaften und Statistik maßgeblich beeinflusst hat), er entlarvt ganz nebenbei auch das Geheimnis der Monopole: „Wettbewerb und Kapitalismus sind ein Widerspruch.“ Die Wirtschaftswissenschaften gingen fälschlicherweise von einem perfekten Gleichgewichtszustand in der Konkurrenz aller Unternehmen gegen alle aus. Im Gleichgewicht kann aber kein Unternehmen seine Einzigartigkeit entfalten. Im Gleichgewicht stirbt jede Energie den Kältetod des Universums.

Pro: Sehr inspirierende Gedankengänge. Der Text sprüht nur so vor anregenden Erkenntnissen und visionären Thesen. Zitate von z.B. Nietzsche, aus Goethes Faust und Tolkiens Herr der Ringe hält während der Lektüre so einige Überraschungen bereit. Die Lektüre ist unterhaltsam, herausfordernd und produktiv-provokativ.

Contra: Der Ansatz ist teils schematisch, teils polemisch. Auch die grafischen Darstellungen und Schaubilder sind im Vergleich zu den glänzenden Gedankengängen zu schematisch und zu simpel gehalten. Die Grundthese, dass ein Monopol der Zustand eines jeden erfolgreichen Unternehmens ist, lässt sich nicht halten. Auch dass Monopole ihre Einzigartigkeit nur fern jedes Wettbewerbs entwickeln können, trifft, wenn überhaupt, nur auf wenige Unternehmen zu.

In dem Buch finden sich zahlreiche Highlights: So etwa das große Lob auf den Vertrieb und die Arbeit des Verkäufers, womit Thiel die Trennung zwischen Vertrieb und Entwicklung radikal in Frage stellt. Ein weiteres Highlight ist das Kapitel zu „Mensch und Maschine“ sowie zum „Gründerparadox“. Hier erstellt Thiel ein amüsantes und faszinierendes Porträt von prominenten IT-Gründern und modernen Königen, von Richard Branson über Steve Jobs bis Elvis Presley, Britney Spears und Lady Gaga… womit das Prinzip des Monopols auch auf Menschen (Prominente) übertragbar wäre.

Ist Peter Thiel kreativer Querdenker oder elitärer Monopolist? Wie viel Transhumanismus steckt in seinem Beitrag zur Innovation und Rettung unserer Gesellschaft? Und wie viel ideologische Weltanschauung steckt in diesem Start-up-Manifest des Neuen und Einzigartigen? Peter Thiel ist schlau genug, keine starren Positionen einzunehmen. Sein Denken ist flexibel, mutig und thesenhaft. Es setzt an den richtigen Stellen an und entzieht sich dann wieder in die Unschärfe randloser Offenheit. Man bekommt den Eindruck, Thiel habe bei den Rhizomatikern Deleuze und Guattari eine Lektion in fließendem und formfreiem Denken erhalten, wenn er die Intensität zum höchsten Gut gesellschaftlicher Innovation erhebt. Bereits der Vorsokratiker Heraklit wusste ja, dass alles fließt.

Fazit: Zero to One ist mehr Denkübung als Anleitung, auch wenn es produktive Handlungs- und Denkempfehlungen bereitstellt. Dies macht das Buch einzigartig und absolut lesenswert. Es ist anregend und philosophisch im besten Sinne des Wortes: es regt zum Selbstdenken an und stellt gewohnte Denkmuster in Frage. Die Querdenker-Frage ist für jedermann empfehlenswert und anwendbar: „Welche Ihrer Überzeugungen würden nur wenige Menschen mit Ihnen teilen?“

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Studieren geht über Manipulieren: 48 Tugenden der Macht!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie amerikanische Journalisten ein Thema neu aufbereiten können, das zum Kern europäischer Geistesgeschichte gehört. Von Machiavelli über Thomas Hobbes und Nietzsche bis hin zu Weber, Foucault und Bourdieu, die Liste der großen Machttheoretiker ist lang.

Dieses Buch setzt einen klaren Schwerpunkt: Macht als Manipulation. Die 48 Gesetze der Macht sollte man daher besser als Anleitung zur Manipulation verstehen. Die Anwendbarkeit dieser Gesetze hat zwei Seiten. Ich kann sie im Umgang mit anderen tatsächlich einsetzen oder aber ich nutze sie, um Machtmissbrauch zu durchschauen und Manipulation zu verhindern. Selbstverständlich kann ich dabei lernen, wie ich mein Ansehen verbessere, meine Aufmerksamkeit und Anerkennung durch andere erhöhe, wie ich meine Interessen durchsetze und meine Ziele mit Hilfe von anderen erreiche, ohne dass die anderen meine Handlungen als Strategien der Manipulation erkennen. Natürlich nur, wenn ich gut bin.

Ich kann das Ganze aber auch einfach nur als literarischen Genuss und Allgemeinbildung lesen, denn die literarische Umsetzung des Ratgebers ist mehr als beeindruckend. Greene verarbeitet geschickt das alte Vokabular der Machtheoretiker, übersetzt es neu und überführt traditionelle Ratschläge in eine moderne, ansprechende und verständliche Form. Es ist nicht zu viel versprochen, von einer Art Machiavelli des 21. Jahrhunderts zu sprechen (wie auf dem Buchrücken). Wäre aber gar nicht nötig, da Inhalt und Aufbau von ganz allein überzeugen. Das literarisch und ästhetisch ansprechende Textdesign machen die Lektüre zu einem einzigartigen und abwechslungsreichen Bildungserlebnis. Trotz der abstrakten Thematik steht der Leser an keiner Stelle alleine oder auf verlorenem Posten da.

Pro: Die Faszination dieses Machiavelli-Wie-Manipuliere-Ich-Remixes besteht nicht zuletzt in der Neuzusammenstellung von Dingen, die man so nicht nebeneinander findet. Jedes Gesetz wird anfangs mit der Frage „Was heisst das?“ zusammengefasst. Nach der Vorschau folgen die Schlüssel zur Macht. Danach werden für jedes Gesetz ein Symbol und ein Garant angeführt, die eine Art Synthese darstellen. Abgerundet wird das Ganze durch Zitate und kurze Geschichten (Fabeln, Aphorismen, Sprichwörter, Miniaturen, historische Beispiele, Miniaturen). Sehr anschaulich. Griffig. Kreativ. Unterhaltsam und kurzweilig.

Als Contra zwei Warnungen: Zur Machtausübung gehört es, so der Autor, ein wenig diabolisch zu sein. Aber Vorsicht! Die 48 Kapitel beeinflussen ziemlich wirksam die Sicht auf die Welt und das soziale Umfeld. Vorsicht: Die Tugenden der Macht sind nichts für zartbesaitete Seelen.

Dieses Buch empfiehlt sich für all diejenigen, die sich für die Höhen und Tiefen der menschlichen Natur interessieren. Die Lust haben, in die Abgründe der menschlichen Psyche hinabzusteigen. Die das Geheimnis der Machtstrategien entdecken wollen. Aber bitte tun Sie mir einen Gefallen: Falls Sie den Unterschied zwischen weißer und schwarzer Magie kennen, bitte verwenden Sie diese Erkenntnisse nur im positiven Sinne. Denn ansonsten könnte die Macht der Manipulation auf Sie negativ zurückfallen. Es sei denn, Sie sind bereits ein Experte und erfolgreicher Stratege der Manipulation, dann wird dieses Buch Sie aber kaum mehr interessieren.

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Verpackungsbeilage und kennen Sie unbedingt das 49. Gesetz der Macht, das dem Buch in Zukunft beigelegt werden sollte: Dieser Ratgeber ist keine Anleitung zum Glücklichsein. Zu einem glücklichen Leben gehört, dass man andere Menschen so lassen kann, wie sie sind und gerade nicht für die eigenen Zwecke manipuliert.

Entspannung statt Aktivismus gegen falsche Schüchternheit

Ist es schlimm, sich von dem Titel angesprochen zu fühlen? Muss ich mich als schüchtern oder gar als erfolglos outen, wenn ich sage, dass mich der Titel anspricht? Zumindest etwas zögerlich habe ich mich an dieses Buch heranwagt, da ich mich doch als glücklichen Schüchternen sehe und mit Selbstmarketing gar nicht so viel anfangen kann. Selbstmarketing für Schüchterne: Ein mutiger Titel, der genauso anspricht wie abschreckt.

Allein die Biografie und die Selbstdarstellung der Autorin laden zu einem zweiten Blick ein. Eine authentische Selbstdarstellung, so würde man sagen, nicht zu dick aufgetragen, wie der Titel noch vermuten ließ. Genauso interessant stellt sich dann der Inhalt heraus:

Pro: Mit insgesamt 79 Übungen ist das Buch sehr praxisorientiert. Die Anleitungen zur inneren Visionssuche sind klar und verständlich formuliert. Aufbau und Struktur sind systematisch und überzeugend. Schwerpunkt der Übungen liegt auf innerer Vorstellungskraft, Erkundung eigener Wünsche und immer wieder ein Realitätscheck, ohne den die Reise in die eigene Wunschwelt ergebnislos bliebe. So wird auch das potentielle und zukünftige Kundenprofil mit in den Übungsverlauf eingebunden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Selbstakzeptanz und Entspannung.

Contra: Ein Durchgang durch alle Übungen ist zeitaufwendig. Zudem ist der empfohlene Sparringspartner nötig. Für Menschen, die sich notorisch nicht oder nur schwer entscheiden können, ist der Ratgeber eine echte Herausforderung. Da kann es passieren, dass die Liste an Wünschen und neuen Tätigkeiten ins Unendliche wächst. Daher Achtung, das Problem der Selbstwahrnehmung ist mit Vorsicht zu genießen, da Fehleinschätzungen und verschobene Selbstwahrnehmung nicht ungewöhnlich sind. Eine plausible und anwendbare Unterscheidung zwischen richtiger und falscher Schüchternheit, angemessener und unangemessener „Selbstmarketing-Blockade“ wird nicht thematisiert.

Angesprochen sind schüchterne Menschen, die mit ihrer Schüchternheit in irgendeiner Weise unzufrieden sind. Der Ratgeber gegen „Selbstmarketing-Blockaden“ spielt mit dem Glauben daran, dass Schüchternheit dem beruflichen Erfolg und der gelungenen Selbstpräsentation grundsätzlich im Weg stehen. Nun ist Schüchternheit aber ein tagesformabhängiger Persönlichkeitsaspekt und eine Eigenschaft, die die meisten Menschen bei sich selbst kennen (auch wenn sie keine durchgängig schüchterne Persönlichkeit sind). Daher ist die angesprochene Zielgruppe größer als die auf dem Buchtitel erwähnten schüchternen, introvertierten und hochsensiblen Menschen.

Selbstmarketing für Schüchterne – Ausrufezeichen. Klingt ganz und gar wie ein Buch, das man am liebsten gleich wieder weglegen will, da doch ganz offensichtlich an die Machbarkeit der völligen Selbsttransformation appelliert wird. Also ein weiterer Ratgeber, der sich blind und nahtlos in die Tradition der ‚Wie lerne ich mein Leben selbst zu bestimmen’-Werke einreiht? Nein, denn es handelt sich nicht um eine Anleitung und Umerziehung zur Rampensau. Das Programm hat immer das ganzheitliche Wohlbefinden im Auge und schafft damit eine gelungene Mischung aus Karriereratgeber, Persönlichkeitsentwicklung und Entspannungstechniken.

Und als Fazit: der Ansatz ist tatsächlich bemerkenswert! Dem schüchternen Patienten beizubringen, wie er sich entspannt, ist wohl unwahrscheinlich viel effektiver als ihn in eine angespannte „Ich-muss-jetzt-performen-und-mich-präsentieren-Haltung“ zu versetzen.

Die Macht der Macht oder du sollst nicht langweilen!

Macht ist ein Reizthema. Macht ist überall. Macht hat symbolischen Charakter und braucht Zeichen zur Demonstration ihrer Stärke. Statussymbole dieser Art kennt jeder und sie finden sich überall, egal ob im privaten Leben oder im Beruf. Im alltäglichen Denken und in den Medien ist Macht vielfach negativ besetzt. Oder anders gesagt, sie „hat oft einen negativen Beigeschmack“, wie der Autor Reiner Neumann schreibt.

Dass Macht allerdings auch produktiv ist, wird oftmals vergessen und unterschlagen. Wie Macht in der Gesellschaft wirkt und wie sie bis in den Alltag des Individuums ausstrahlt, ist die entscheidende Frage und grundsätzliche Motivation für dieses Buch. Es geht um die produktive Kraft von Macht, die die Beziehungen zwischen den Individuen im gesamtgesellschaftlichen Gefüge trägt und in permanenter Spannung hält. Mit Foucault gesprochen wirkt Macht bis in das Innere der Körper und lässt sich sogar an bestimmten körperlichen Bewegungen und Gesten ablesen. So weit, so gut. Was der Autor über das Phänomen Macht schreibt, trifft leider auch auf dieses Buch zu: ein negativer Beigeschmack.

Vorab: Es handelt sich um eine sehr verständlich geschriebene Einführung in die Thematik. Allerdings ist das Buch insgesamt zu trocken und zu theoretisch. Der an Bildung interessierte Leser wird an vielen Stellen nachfragen und zu weiterer Literatur greifen müssen. Der Leser mit Vorwissen wird nichts Neues erfahren. Und der an tatsächlichen Ratschlägen Interessierte wird vergeblich nach brauchbaren Handlungsempfehlungen suchen.

Die große Stärke des Buches liegt darin, einen wirklich breiten und flächendeckenden Überblick in das Phänomen der Macht zu vermitteln. Dabei gibt es drei Highlights: Im Kapitel „Macht und Sprache“ gibt es eine sehr pointierte Darlegung der kommunikationspsychologischen Gesprächsgrundlagen. Die Aussagenebenen von Schulz von Thun werden genauso erläutert wie die Praxis von offenen und geschlossenen Fragen. Das Buch zeigt ein paar wirkungsvolle Sätze für den Umgang mit negativen Fragen und der Höhepunkt ist ein kurzer Exkurs zu Schopenhauers eristischen Dialektik. Hier lernt man, seinen Gesprächspartner durch kurze aggressive Statements zu irritieren und zu überraschen. Ein weiteres Highlight besteht in den Kapiteln „Macht und Menge“ und „Macht und Beziehungen“. Hier liefert der Autor nicht nur profunde Analysen der Massen- und Gruppenpsychologie, in diesem Bereich kommen auch zahlreiche gut gewählte Beispiele aus Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft zum Einsatz.

Pro: Jedes Kapitel wird am Ende und manchmal auch zwischendurch mit kurzen Sätzen und Stichworten in einem grauen Kasten zusammengefasst. Sehr übersichtlich gehalten und die grauen Kästen sind eine effektive Methode für das lernende Verstehen.

Contra: Die einzelnen Themen gleiten nur so über die Oberfläche und gehen selten in die Tiefe. Die Beispiele sind zwar aktuell und anschaulich, aber standardisiert und mechanisch. Es fehlen tatsächliche Fallbeispiele. So verkommt die Macht der Macht in Allgemeinheiten und zuweilen auch in Plattitüden. Der Autor resümiert fast durchgängig und verzichtet fatalerweise auf eigene Gedanken. Schade, denn im Feuilleton wurde das Buch gelobt. Und auch die anderen Bücher kommen – zumindest hier bei amazon – viel besser weg. Wenn man dann jetzt noch den Mut hätte, ein anderes Buch in die Hand zu nehmen.

Für diese leider viel zu allgemeine Lektüre zwei Ratschläge von Billy Wilder und Theodor W. Adorno für Ratgeberliteratur im Allgemeinen: „Du sollst nicht langweilen!“ (Billy Wilder) und bitte auf eigene Gedanken nicht verzichten! Denn sonst wird der Ratgeber zum schlechten Essay: „Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben.“ (Theodor W. Adorno)

Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst

Das ist der vielleicht schönste Satz, der uns von dem altgriechischen Arzt und Philosophen Hippokrates überliefert ist. Kein Wunder, dass Harald Weinrich ihn als Ausgangspunkt für sein Buch genommen hat. Hippokrates war Philosoph, Dichter und Arzt zugleich. Er ist bis heute für seine Aphorismen bekannt. Wahrscheinlich kommt Eckart von Hirschhausen einer modernen Version von Hippokrates am nächsten.

Das Leben ist auch heute noch kurz. Auch wenn wir länger leben als jemals zuvor. Daher dreht sich auch in Harald Weinrichs Buch Knappe Zeit alles um’s Leben. Mit einem unglaublichen Gespür für das Detail kann Weinrich sämtliche Literaturbezüge in den Alltag zurückführen. Egal ob Seneca, Dante, Goethe, Franklin, Heidegger oder Jules Verne.

Das Buch ist ein Ritt durch die Kultur- und Literaturgeschichte von den Griechen bis heute. Angeblich wurde die Zeit seit Aristoteles räumlich gedacht. Erst bei dem französischen Philosophen Henri Bergson soll sie ohne Räumlichkeit gedacht worden sein. Auch Weinrich befreit die Zeit von dieser eindimensionalen Perspektive. Die Zeit ist vor allem erlebte Dauer. Sie ist Bewusstsein und knappes Gut. Zeit ist sichtbar gemachte Gegenwart.

Auch eine historische Zeitdiagnose versteckt sich in Weinrichs Überraschungstüte: Bereits im 18. Jahrhundert siegt die Zeit über den Raum. Die Beschleunigung der Moderne ist vor allem ein zeitliches Phänomen und verändert durch ihre Allianz mit der Ökonomie die ganze Welt. Daher ähneln sich Geld und Zeit. Als begrenzte Ressourcen sind sie verwandt. Zeit ist Geld. Geld ist Zeit.

So zumindest kann man versuchen, Kunst und Ökonomie des befristeten Daseins zusammen zu denken. Am Ende ist jede Zeit subjektiv und relativ. Bei Weinrich bedeutet Zeitknappheit zumeist ein Bewusstsein von Vergänglichkeit. Dies ist aber nur eine Art und Weise, dieses kluge Buch zu lesen.

Es gibt da noch den richtigen Augenblick, den günstigen Zeitpunkt. Der Mensch, der ihn für sich erwischt, ist ein glücklicher Mensch. Daher ist die Meisterung der Lebenszeit eine Eroberung des Glücks. Harald Weinrich hat mit Knappe Zeit ein Buch über das Glück des Menschen geschrieben. Raffiniert. Überraschend. Und eine verständliche Verortung der Literatur im menschlichen Alltag.

Aber Vorsicht: Harald Weinrich ist belesen. Er kennt sich aus in den romanischen Sprachen. Die Zeilen und Kapitel sind dicht und philologisch ausgetüftelt. Knappe Zeit ist keine Lektüre für Anfänger.